StartseiteKalenderFAQSuchenMitgliederNutzergruppenAnmeldenLogin

Austausch | 
 

 neuer Effybogen

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten 
AutorNachricht
Endstation Sehnsucht
An der Endstation Angekommene
avatar


BeitragThema: neuer Effybogen   Sa Sep 26, 2015 10:31 pm





»Elizabeth«, flüstert eine Stimme durch die Dunkelheit. Das Mädchen in Weiß öffnet die Augen. »Elizabeth Perdita. « Eine Hommage an Shakespeare, keine Frage – entschieden von ihren Eltern, von ihrem Vater, wie sie schätzt. Sie gibt nichts darauf – weder auf ihre Familie, noch auf ihre Abstammung, noch auf ihren Namen. »Effy«, murmelt sie in die Nacht, den Blick noch starr zur Decke gerichtet. »Bitte, Albrecht, ich habe dir doch schon gesagt, dass du mich einfach nur noch Effy nennen sollst. «
Seit beinahe sechs Jahren kennen sie sich, der Geist des verstorbenen Albrecht von Syren und sie, Effy, eine bald sechszehnjährige Katori – kennengelernt an dem Ort, an dem sie geboren und aufgewachsen war, einem Herrenhaus in Greewich. Er ist ein Dichter gewesen, ein Maler, ein Reisender, ein Medizinkundiger, ein Sänger, ein Schriftsteller, ein Menschenveränderer. Sie ist nur eine Schülerin gewesen, bevor sie zu gar nichts wurde – bevor sie floh. Zunächst begegneten sie sich nur nachts, sie träumte von dem Mann, dessen Portrait sie in einem alten Buch gefunden hatte, und er sprach zu ihr. Erst nach drei Jahren – schon nachdem sie ihr Bündnis mit ihrem Seelenpartner, einer Schnecke namens Tzench Weinberg, geschlossen hatte – erschien ihr das Abbild des Mannes auch bei Tage. Sie sieht ihn, wenn er sich ihr denn zeigen möchte; manchmal hört sie auch nur seine Stimme, leise und säuselnd und flüsternd wie der Wind.
»Ich befürchte, ich muss Euch widersprechen, Miss Elizabeth«, erwidert die weiche Stimme des Verstorbenen. Er steht an ihrer Matratze; ihr vorrübergehendes Nachtlager, und lächelt traurig auf sie herab. »Mir gefällt Euer Name zu gut, ich kann nicht einfach damit aufhören. Früher habt Ihr es gemocht, wenn ich Euch so genannt habe. « Sie weiß, dass er Recht hat. Langsam richtet sie sich auf und streicht sich das wirre, dunkle Haar zurück. Sie wird es abschneiden, bald. Es ist ihr viel zu lang geworden; eine Flut aus schwarzbraunen Wellen, die sich über die blasse Haut bis unter die Brust ergießt. Das Mädchen trägt nur ein weißes Nachthemd, das im Mondlicht genau die gleiche Farbe hat wie ihre Marmorhaut. Ihre Beine sind länger geworden, noch länger, im letzten halben Jahr. Sie hat sicher verändert, nicht nur innerlich – trägt statt strengen Kleidern sogar schon Hosen, und weite Blusen, die sie in den Bund stopft. Und noch dünner ist sie geworden, wenn das noch irgendwie möglich war. Das Mädchen steht auf und stellt sich neben den Geist, sie ragt jetzt beinahe an ihn heran, ist jetzt mindestens 175 Zentimeter groß. Sie lächelt. Sie lächelt jetzt mehr, auch wenn es eigentlich weniger zu lächeln gibt.
»Stimmt, habe ich«, antwortet sie leise und greift nach seiner Hand. Sie ist kalt, wie immer, natürlich ist sie kalt. Er sieht auf sie herab, auf das Mädchen, das er als still und ernst kennen gelernt hat. Er hatte sie gern gehabt, mit all ihrem Stolz und ihrem Missmut. Misstrauisch und arrogant war sie den Menschen um sich herum vorgekommen, hatte kaum den Mund aufbekommen und sich lieber mit ihren dicken Büchern in eine Ecke verzogen, in der man sie nicht angesprochen hatte. Sie war eine verschwiegene Einzelgängerin gewesen, die sich immer in ihre Einsamkeit zurückgezogen hatte – genau das richtige für den Dichter. Natürlich hätte ihr niemand geglaubt, wenn sie von Albrecht von Syren zu erzählen begonnen hätte. Jeder weiß, was für ein leidlich intelligentes, um nicht zu sagen hochbegabtes Mädchen die Adlige ist – warum sollte sie also unüberlegt handeln und von etwas berichten, das wissenschaftlich eigentlich ganz und gar unmöglich erschien? Was die Erwachsenen von ihr hielten war ihr wichtig, sie würde sich den Eindruck, den sie auf die meisten von ihnen machte – bescheiden, sehr höflich und gut erzogen, etwas zu still vielleicht – nicht verderben.
Ja, dieses Fräulein Elizabeth hatte Albrecht gefallen – und die Wandlung, die sie durchgemacht hatte, seit sie zu diesen Katori gehörte, wollte ihm gar nicht so recht passen. Er hatte versucht, sie von diesen merkwürdigen Menschen fern zu halten – Elizabeth war nie jemand gewesen, der viel mit ihrem Partner gesprochen hatte und außerdem keine Person für solche Gemeinschaften. Das hat sich nun geändert. Sie ist jetzt eine von diesen Katori, und zwar mit felsenfester Überzeugung. Schlimmer noch: Elizabeth scheint stolz darauf zu sein und sich für etwas besonderes, etwas Besseres als den gewöhnlichen Menschen zu halten. Sie war schon immer ein stolzes Kind gewesen, doch jetzt neigt sie zur Herablassung gegenüber den „normalen“ Menschen. Außerdem ist sie selbstbewusster geworden, hält sich weniger zurück. Nun ist es ihr nicht mehr wichtig, was die Erwachsenen von ihr halten – außer den älteren Katori, die sie nicht als Kind, sondern als unverzichtbaren Teil ihrer Gesellschaft anerkennen sollen. Ja, Anerkennung. Elizabeth würde wohl einiges dafür tun; so skrupellos scheint sie geworden zu sein. Auch wenn sie sich immer noch gerne in die Stille zurück zieht, hat ihr Ehrgeiz nichts beruhigendes und eigenes mehr an sich; stattdessen wirkt sie rastlos und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen, Lösungen und Problemen. Ihr Egoismus hat sich auf die gesamte Gruppe ausgeweitet, aber sie ist keine Einzelgängerin mehr – und am schlimmsten für Albrecht ist, dass sie sich nun so gut mit ihrem Tierpartner, diesem Tzench Weinberg, versteht. Er kann alles mithören, was Albrecht zu seinem Mädchen in Weiß spricht, und er hört auch jedes Wort, das sie an ihn richtet. Die Zeiten, in denen sie die Schnecke gedanklich aussperrte, scheinen ein für alle Mal vorbei zu sein.
Es war so viel leichter gewesen, als Elizabeth noch nichts hatte, an das sie sich klammern konnte – nichts außer ihm, ihrem Geist. Sie hatte alle um sich herum verachtet, ihre eigene Mutter, die stumm war; ihren Bruder, einen Stotterter; ihre große Schwester, eine skrupellose, kaltblütige Person; ihre kleine Schwester, ein aufgesetztes Gör, das es jedem recht machte und ihr Vater, der tatenlos über all dem stand und zu verzweifeln schien. Dass man sie hatte nach Angen gehen lassen, war mehr oder weniger sein Verdienst – er hatte Elizabeth stets darin bestärkt, weiter mit dem Cello, dem Klavier und der Flöte zu üben. Und ob sie nun bei einer Gastfamilie oder in einem Internat lebte, das machte keinen Unterschied.
Gemeinsam wandern sie aus dem Haus hinaus und über die feuchte Wiese. Elizabeth ist barfuß, aber sie scheint nicht zu frieren. Ihre Augen gehören ganz allein ihm. »Habt Ihr eine Information über die Dauer Eures Aufenthaltes hier?« Er fragt ungern und sie merkt es – sie ist besser darin geworden, ihn zu lesen. Früher waren es nur Bücher, die sie verstehen könnte; jetzt war sie auch geübter darin, Menschen zu hinterschauen. Und Geister, wie es ihm schien. »Gefällt es dir hier nicht?« Ihre Miene verzieht sich kein bisschen, doch er weiß, was hinter ihrer Fassade liegt. Ja, sie ist gut darin, gleichgültig zu tun und ihre Gefühle zu verbergen – wirklich, sehr gut, noch besser als früher. Aber er ist besser im Lesen als sie jemals ahnen würde. Sie ist unglücklich, dass ihm diese Katori nicht gefallen, und ihr gefällt es in dem Haus dieser schrecklichen Frau. »Macht Euch wegen mir keine Gedanken. Eine rein höfliche Frage.« Sie verzieht kurz die Lippen, fast als würde sie lächeln. Dann bleibt sie stehen und nimmt auch seine andere Hand. »Albrecht, du wolltest ohnehin nie, dass ich nach deinen Gräbern suche«, wispert sie ihm leise zu, und jetzt funkeln doch Tränen in ihren Augen. Bewegt sieht er zu ihr herab und wünscht sich, er hätte ein Herz, das ihm bei diesem Anblick zerreißen könnte. »Wenn ich jetzt damit aufhöre, weil ich mit den anderen gehe… dann verlass mich nicht.« Zögernd nimmt er seine Hand aus ihrer und streicht ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. Sie sieht verzweifelt aus, traurig und erwachsen, älter geworden, immer noch so jung. Wann wurde sie besser darin, zu sagen, was sie wirklich fühlt?
Er weiß, er ist zu lange nicht bei ihr gewesen – doch da war immer dieser Tzench Weinberg, der seine Verbindung zu ihr störte. Er war in dem Fall der sogenannte Amír des Mädchens, eine Weinbergschnecke, klein, leicht, helle Haut und weißes Schneckenhaus. Er ist bei ihr, seit sie 12 Jahre alt war – gewissermaßen kennt Albrecht sie also schon wesentlich länger. Soweit er weiß ist Herr Weinberg sogar ein recht zurückhaltendes Geschöpf, höflich und sehr wohl erzogen, generell etwas in sich gekehrt und schüchtern, recht pessimistisch und mit einem Sprachfehler, dem Stottern, verunstaltet  – aber auch recht feige, wenn Albrecht darüber nachdachte. Noch nie hat er angezweifelt, was Miss Elizabeth ihm vorwarf, ihm befiel, ihn bat.
Noch nie hatte er ihn, Albrecht von Syren, angezweifelt.
»Wie könnte ich«, flüstert er zurück. Er möchte sie umarmen, doch er weiß, er darf es nicht. »Bleibt nicht zulange hier, mein Mädchen in Weiß. Schreckliches liegt hinter Euch, Schreckliches steht Euch bevor. Und Eurer Albrecht wird bei euch sein.« Jetzt weint sie. Stumm. »Ich vermisse Euch jetzt schon.«
Und er verblasst.

Nach oben Nach unten
Benutzerprofil anzeigen
 

neuer Effybogen

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben 
Seite 1 von 1

 Ähnliche Themen

-
» Neuer One Piece Movie - One Piece Film Z
» Neuer Freundescode bei 3DS Wechsel?
» Warum bekomme ich keine neuen Bewohner?
» Posting schreiben: Benachrichtigung, wenn beim Schreiben ein neuer Post gesendet wurde
» [ETS2] Einführung von neuer KI ?

Befugnisse in diesem ForumSie können in diesem Forum nicht antworten
 ::  :: -