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 Jaylam CP Plot XII

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Endstation Sehnsucht
An der Endstation Angekommene
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BeitragThema: Jaylam CP Plot XII   Mi Sep 16, 2015 3:15 pm

Keylam blinzelte, als Licht in den Raum fiel, in dem sie alle seit ... - wie vielen Tagen? - saßen. Er hatte den Überblick über die Zeit wieder verloren und die Unterbringung hier unterschied sich nicht so grundlegend von der in der Zelle. Außer, dass sie hier genug Essen und Wasser bekamen und nicht mehr für irgendwelche Verhöre oder Quälerei aus dem Versteck geholt wurden. Aber sie wussten genauso wenig, ob sie hier sicher waren und es war dunkel, stickig und eng. Sie waren immer noch alle in Alarmbereitschaft, auch wenn der 23-Jährige versucht hatte, etwas herunterzufahren. Trotzdem saß er nun mit rasendem Herzen auf seiner Pritsche und brauchte einen Moment, ehe er Maggys Silhouette erkannte. Drei Tage, Sicherheit, nicht mehr länger verstecken, so viel schnappte er auf, weil sie sich an Anahiel gewandt hatte und mit ihrer Nichte zu diskutieren schien. Mit abwesendem Blick starrte er hinüber zu den drei Frauen - Jane war bei Anahiel, wie die ganze Zeit schon. Und dann fiel die Entscheidung: das Versteckspiel war vorerst vorbei. Und so wenig sicher er sich auch fühlte, so wenig er glauben konnte, dass man die Suche nach ihnen aufgegeben hatte, er wollte raus aus der Dunkelheit, aus der Enge von vier nackten Wänden. Wie in Trance erhob er sich und ging auf die Kellertür zu, durch die sie vor scheinbar drei Tagen hier reingekommen waren. Hinter Maggy und Anahiel her ging er langsam die Treppe hinauf und blinzelte immer wieder, das Licht stach in seine Augen.
Jeanny hatte die Augen geschlossen und saß reglos auf der Matratze, neben der Anah und ihre Tante standen und miteinander sprachen. Worüber, darauf achtete sie kaum - es ging einfach durch sie hindurch, wie so vieles mittlerweile. Es fiel ihr schwerer, sich auf viele Sachen gleichzeitig zu konzentrieren, und da sie sich immer noch daran erinnern musste, zu atmen, hatte sie für viele andere Dinge kaum Aufmerksamkeit. Dass plötzlich allerdings Bewegung in die zusammengepferchten Katori kam, bemerkte sie auch so. Zögernd blinzelnd öffnete Jane die Augen, scheinbar unentschlossen, ob sie ebenfalls aufstehen sollte. (Raus?), fragte sie zögerlich; nicht nur, weil sie es kaum glauben konnte, sondern auch, weil sie sich nicht sicher war, ob sie tatsächlich gehen sollte. Die Vorstellung von kalter Märzluft in ihrem nach wie vor schmerzenden Hals machte ihr Angst. (Raus), erwiderte Rutherford schroff. Sie tat, was er sagte. Ohne mit der Wimper zu zucken - das machte sie schon drei Tage so, und bisher hatte es besser funktioniert als alles andere. Ganz langsam erhob sich Jane vom Bett, mit einer solchen Umsicht, dass man meinen könnte, ihr Körper bestünde aus Glas. Sie stakste nach vorne, hinter den anderen her, und war viel langsamer als jeder von ihnen. Jeder Schritt wirkte, als müsste sie sich vorher dazu überreden, ihn zu tun. . .
Keylam merkte irgendwann, dass die Treppen endeten und stand erst einmal zögernd auf einem Gitterrost, der vermutlich dazu da war, vor Dreck starrende Schuhe vor dem Eintreten abzuputzen. Er war draußen. Man hatte sie nicht entdeckt. Er hörte keine Hubschrauberrotoren, keine gebrüllten Anweisungen, kein hektisches Flüstern. Nur Vogelzwitschern, ein leises Rauschen - Wind in den Bäumen, die noch ziemlich kahl waren - und Schritte auf der Treppe hinter sich. Eher mechanisch machte er weitere Schritte vorwärts, um Platz zu machen. Atmete tief durch, einmal, zweimal, und beruhigte so seinen zittrigen Atem. Als sie hier angekommen waren, hatte er nicht darauf geachtet, wie das Haus und die unmittelbare Umgebung aussahen, aber jetzt registrierte er den Wald, die Wiese davor, die sich vom Haus bis zu den ersten Bäumen erstreckte und die Volieren, deren Nutzen er nicht erkannte. Sie sollten sich nicht weit vom Haus entfernen, schärfte Maggy irgendwem hinter ihm ein und er betrachtete das als Aufforderung, zumindest ein kleines Stück zu laufen. Auch wenn sich schon die Treppe angefühlt hatte wie eine sportliche Höchstleistung. Es musste von weitem so aussehen, als hätte die ältere Dame eine Horde lethargischer Zombies aus ihrem Keller befreit, die nun in Zeitlupentempo ausschweiften. Keylam ging nur halb um Maggys Haus herum und ließ sich dort ins Gras sinken, streckte beide Beine lang aus und hielt Cítri die Hand auf, damit sie aus seiner Brusttasche klettern und ein wenig die Frühlingssonne genießen konnte.
Jeanny zögerte bei der ersten Treppenstufe, doch Rutherford drängte sie unterschwellig, weiter voran zu gehen. Für Jane war es schwierig, überhaupt eine Stufe zu nehmen; ihre Beine fühlten sich einfach nicht mehr wie dafür gemacht an, so zu funktionieren. Seit sie hier unten waren, hatte die Rothaarige viel geschlafen, sich zusammen gerollt und wenig bis gar nicht gesprochen. Auch Rutherford gegenüber blieb sie weitestgehend stumm. Es war, als hätte man Jane verschreckt, und als hätte sich das starke Mädchen nun zitternd und Schutz suchend tief in sich selbst verkrochen. In ihrem Körper steckte kaum noch Kraft, sei es wegen der Strapazen der letzten Tage oder weil sie so wenig gegessen hatte. Erst einmal in dem Mechanismus angekommen, die Beine zu bewegen, hielt sie kaum inne, als sie nach draußen trat; blinzelte nur ganz langsam ins helle Licht; wie ein Tier, dem immer wieder Fliegen in die Augen krabbelten. (Atmen), erinnerte sie die schnarrende Stimme in ihrem Kopf, und sie holte Luft - kalte, klare, feuchte Luft. Sie fühlte sich ungewohnt an, aber nicht komplett falsch. Ohne auf die anderen zu achten, stakste Jane weiter geradeaus über die Wiese und hielt auf den Waldrand zu, eine Mechanik, die einmal in Gang geworfen so lange weiter lief, bis die Batterie alle war. . .
Keylam konnte sich auch selbst kaum daran erinnern, in den Tagen nach der Flucht seine Stimme öfter als ein, vielleicht zwei Mal gebraucht zu haben. Niemand sprach mit ihm, also war ihm auch nicht nach sprechen zumute. Er nahm es keinem der anderen übel, sie waren alle mehr oder weniger mit sich selbst beschäftigt gewesen. Jetzt, hier draußen, wo er wieder richtig Luft holen und weiter als ein paar Meter durch funzeliges Licht sehen konnte, schaffte er es zum ersten Mal, wieder über mehr nachzudenken als die Flucht, die Regierung und die Schmerzen in seinem Kopf, die seitdem nur minimal besser geworden waren. Durch Cítris Erstarren auf seiner Hand hob er den Blick und schaute in die Richtung, in die sie starrte. Jane. Wo ging sie hin? Er starrte so lange hinter ihr her, bis kleine Krallen auf seiner Handfläche herumkratzten und er begriff, dass sie sich scheinbar nicht hinsetzen würde, sondern einfach lief. Ungelenk rappelte er sich wieder auf. »Jane!«, wollte er rufen, aber die Lautstärke seinen kläglichen Versuchs war so gering, dass sie es nie im Leben hören konnte. Also stapfte er ihr hinterher, unbeholfen und irgendwie so, als wäre er aus der Übung. Trotzdem holte er sie schnell ein, denn sie lief tatsächlich noch langsamer als er. »Jane, warte«, versuchte er es noch einmal und diesmal kam mehr als nur ein kratziger Ruf zustande.
Jeanny war gedanklich irgendwo, nur nicht hier draußen. Man hatte ihr gesagt, dass sie gehen sollte, also ging sie. Es war heller hier und die Luft schmeckte anders, fühlte sich beim Atmen anders an, und sie ging. Mehr Veränderungen bemerkte sie nicht - dass man schon ein paar Vögel schüchtern singen hörte, dass die Sonne ihr leichte Wärme auf die blasse Haut legte, dass der Wind ihr durch das dünn gewordene Haar strich. Sie hörte Rutherford, der ihr sagte, dass sie nicht mehr viel weiter gehen durfte, aber eigentlich war es ihr egal. Trotzdem wurde sie noch ein wenig langsamer, schlingerte leicht von links nach rechts; wohin jetzt? Ihr Name wurde gerufen, nicht von innen, denn sie hörte ihn richtig, jemand sprach sie an... Keylam. Ihr Kopf drehte sich langsam in seine Richtung, dann schwenkte der Rest ihres Körpers mit. (Ja, geh zu ihm), ermunterte die Stimme sie, und sie klang widerwillig, aber irgendwie auch erleichtert. Also stakste Jane auf den Mann zu, den sie im hellen Licht kaum erkannte - blass, ausgezehrt, mit kurzem dunklen Haar und einer kleinen Maus, die sich an seinem Ärmel festkrallte. (Pfeifhase), erinnerte Rutherford sie sacht. (Nicht Maus. Cítri.) Genau. Sie ging auf beide zu, bis ihr einfiel, dass sie nicht einfach an ihm vorbei gehen konnte. Und ruckartig stehen blieb. . .
Keylam merkte, wie sein Atem wieder zittrig wurde, ob vor Anstrengung oder weil die Situation ihn verunsicherte, war schwer zu sagen. Zuerst fürchtete er, Jane könnte ihn nicht hören, so wie er Cítri nicht mehr hörte und wer weiß wen noch alles. Weil sie weiterging und dann irgendwann doch noch umdrehte. Die Sonne, die ihr ins blasse Gesicht schien, machte dunkle Schatten unter ihren Augen sichtbar, verheilende Blessuren und blaue Flecken - und die fürchterlichen Würgemale an ihrem Hals. Bei der Flucht hatte er sie bei Tageslicht gesehen, aber er konnte nicht sagen, ob sie da schlimmer ausgesehen hatte oder ob jetzt der Schock dazukam, dass sie einfach nach wie vor so furchtbar aussah. Die Wunden an seinen Schläfen waren inzwischen immerhin verschorft und auch seine Finger begannen zu heilen. Bei Jane aber fragte er sich unwillkürlich, ob ihr Hals für immer so aussehen würde. Er stand da, irgendwie hilf- und ahnungslos, bis sie vor ihm ruckartig anhielt. Cítri war nicht mehr auf seiner Hand, auch wenn er sie nach wie vor so geöffnet hielt, als wäre sie da. Er hatte nicht gemerkt, dass sie sich dematerialisiert hatte, vielleicht saß sie auch schon wieder auf seiner Schulter. Es war egal. Langsam, so als hätte er Angst sie zu verschrecken, streckte er seine frei gewordene Hand aus und berührte ihren Arm. Ganz leicht nur, weil er nicht wusste, wo und ob sie Schmerzen hatte und er das nicht verschlimmern wollte. Er schluckte, sein Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen traurig und erleichtert. »Nicht weggehen. Ich brauch' dich doch noch.«
Jeanny stand da und sah ihn an, als wäre er ein Fremder. Mit kurzen Haaren und Schorf am Schädel, mit traurigem, verunsichertem Blick. Sie standen beide hier, doch zumindest Janes Selbst schien noch immer in weiter Ferne zu hocken, mit einem Kissen über dem Kopf und die Arme um den eigenen Körper geschlungen, Augen zu, Mund zu, nichts sehen, hören, fühlen. Ihre Hülle blickte Keylam an, starr und mit einem Anflug von Unsicherheit im Gesicht, fragend. Sie verstand nicht, was er meinte. Nichts sofort zumindest. Als seine Augen drohten, Sichtkontakt zu ihren herzustellen, ließ sie ihren Blick fallen, plötzlich. Was, wenn Keylams Nähe die fühlende Jane hervorlocken würde? Das Mädchen, das unter seinem Anblick leiden würde, unter den Erinnerungen, unter den Schmerzen. Dieses Mädchen war noch nicht bereit, wieder ans Tageslicht zu treten. Sie spürte die raue Haut auf ihrer, sie hörte seine Worte, doch sie konnte nicht riskieren, sie Jane hören zu lassen. Sie konnte nicht riskieren, dass Keylam tief in ihr drinnen anklopfte, um die Hülle wieder mit Leben zu füllen - ein Leben, das zweifeln und fühlen und bereuen würde. . .
Keylam ließ die Hand wieder sinken. Wenn sie nicht hören konnte, wüsste er das, immerhin hatte Jane bisher schon mit Anahiel gesprochen und auf Aussagen reagiert. Sie konnte hören, theoretisch. Und möglicherweise hätte er ähnlich reagiert, wenn er derjenige gewesen wäre, der ohne nachzudenken Richtung Wald gegangen wäre. Hätte Anthony ihn angesprochen ... er wusste nicht, ob er etwas geantwortet hätte. Sie hatten sich innerhalb weniger Tage alle daran gewöhnt, sich in sich selbst so tief zurückzuziehen, dass es eine große Anstrengung darstellte, sich wieder dem hier draußen, der Umgebung und den Menschen darin, zuzuwenden. Er sah Jane an, wartete darauf, dass sie den Blick wieder hob und seinem begegnete - und sah ebenfalls weg, als dem nicht so war. Dann ließ er sich einfach wieder zu Boden sinken, setzte sich mit nun überkreuzten Beinen im Schneidersitz schräg vor Jane ins Gras und atmete zitternd ein. Vielleicht brauchte es einfach noch mehr Zeit, ehe sie sich wieder öffnen konnte.
Jeanny schluckte. Schlucken war schwer. Wenn es nicht zum trinken oder essen war, generell ein Fehler. Es war nicht leicht, hier zu stehen und dies »über sich ergehen zu lassen«, aber noch wesentlich schlimmer war das Schlucken. Sie verzog das Gesicht, unwillkürlich, kniff die Augen zusammen und zog den Kopf zwischen die angehobenen Schultern. Eine Hand wanderte automatisch nach oben strich mit den Fingerkuppen sacht über die aufgeraute, noch immer leicht schmerzende Haut, als könnte sie ihre Kehle so unterstützen. Was selbstverständlich gar nichts brachte, außer, dass sie sich noch schlechter fühlte. Einige Herzschläge lang blieb sie einfach so stehen, leicht verkrümmt und irgendwie verlassen. Keylam hatte sich ins Gras gesetzt und hockte nun zu ihren Füßen, während sie... die Arme sinken ließ und sich leicht zu ihm drehte, damit die Sonne ihr wieder ins Gesicht schien. (Ziemlich warm für eine Märzsonne), bemerkte Rutherford leicht angespannt. Als er keine Antwort bekam, legte er nach. (Findest du nicht?) Nach einer Weile Schweigen schließlich die Nachricht. (Spüre ich kaum.) Aber das sollte nicht sein - und das wusste sie. Ihr Blick wanderte langsam zu Keylam hinab, dann schien er sich an dem Schorf an seinem Kopf aufzuhängen, wie ein Fetzen Papier an einem Fischerhaken. . .
Keylam starrte eine zeitlang einfach ins Gras und auf sein Knie, auf dem sich Cítri wieder materialisiert hatte. Eigentlich war er sich ziemlich sicher, dass Jane irgendwann gehen würde. Sie hatten so lange alle zusammengepfercht in einem Raum verbracht, immer begleitet von Angst, dass er den Gedanken, einfach allein sein zu wollen, bestens nachvollziehen konnte. Aber das Fehlen von Cítris Stimme in seinem Kopf gab ihm zur Genüge das Gefühl, allein zu sein. Jetzt, da die Angst endlich schwand, hatte er wieder Platz in seinem Kopf, um sich dessen stärker bewusst zu werden. Abwesend streichelte er der Pfeifhäsin über den Kopf und beobachtete, wie ihre Tasthaare erzitterten. »Es kommt mir so vor, als wären Monate vergangen. Dabei ... waren wir letzte Woche noch irgendwo im Wald und unsere größte Sorge war dieser ätzende Muskelkater. Verrückt.« Er lächelte dünn. »Mein Stein ist noch da.« Irgendwo, eingetreten im Boden, wo er ihn hatte fallen lassen. Auch wenn sich das verdammt unsicher anfühlte, war es immer noch besser, als wenn die Regierung ihn in die Finger bekommen hätte. Ganz leicht hob er den Blick, um zu sehen, ob Jane überhaupt noch da war. War sie. »Willst du dich setzen?«, fragte er und deutete wage auf den Boden neben sich.
Jeanny wusste nicht, worauf sie wartete. Vielleicht auf eine Erklärung für die Stellen an seinem Kopf, die sie schlecht einsortieren konnte. (Denk über etwas anderes nach), schlug Rutherford vor, doch sie bemerkte die Veränderung in ihrer Stimme und etwas - etwas in ihr, dem das alles hier nicht egal war - wollte es deshalb umso deutlicher wissen. Sie versuchte, sich zu erinnern, während sie dastand und es anstarrte, doch... dann fing Keylam an zu reden, und Jane war nicht in der Lage, sich auf beides gleichzeitig zu konzentrieren. Sie entschloss sich dazu, ihm zuzuhören - weil sie nicht weiterkam, und weil es vielleicht doch besser war, Rutherford Recht zu geben. Trotzdem machte das, was er sagte, keinen Sinn für die Rothaarige. Stein? Fragend wandte sie sich an ihren Seelenpartner, doch der schien zu befangen, um irgendwas zu raten. Es schien ihm buchstäblich die Sprache verschlagen zu haben, was Jane wiederrum leer und unbefriedigt allein ließ. Ihr Blick verrutschte von seinen Schläfen zu seinem Gesicht, und ihre Blicke kreuzten sich, während sie leicht schief im Gras stand, in dem er hockte. Hinsetzen? Zu ihm? Jane schüttelte leicht den Kopf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig. Nein, sie hielt es nicht aus. Die Rothaarige wandte den Kopf herum und riss den Blickkontakt ab, doch im gleichen Moment knickten auch ihre Knie ein, und sie hockte sich ungelenk und langsam auf das Fleckchen grün direkt neben ihm. . .
Keylam hatte nicht erwartet, dass sie irgendetwas antworten würde. Deswegen redete er auch einfach vor sich hin und stellte seine Frage so, dass man sie auch mit einer schlichten Handlung beantworten konnte. Und diese Handlung ihrerseits war ein Kopfschütteln. Er gab sich Mühe, das nicht mit Enttäuschung aufzunehmen, aber alle anderen Gründe außer »sie will nicht« waren ihm im Augenblick zu komplex. Er senkte den Blick wieder auf Cítri, hob ihn aber sogleich wieder, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Erst dachte er, Jane würde jetzt gehen, erkannte dann aber, dass sie doch irgendwie ... zu ihm runter kam? Etwas unnütz streckte er seine Hand nach ihr aus und versuchte, irgendwie abzusichern, dass sie nicht umkippte, aber ohne sie zu berühren. Aber sie bekam es auch so irgendwie hin, auch wenn sie letztendlich nicht saß, sondern hockte. Er lächelte dankbar. »Wie geht es Rutherford?«, fragte er, wieder ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
Jeanny bemerkte nicht einmal, wie ungemütlich die Position war, in der sie neben Keylam zusammen gesunken war. Dass sie halb auf ihren Beinen saß, die sich so schwer und stelzenartig angefühlt hatten, wie zwei Stöcker, die jemand ihr an den Unterleib montiert hatte. Jede Bewegung fühlte sich merkwürdig an, ungelenkig und mit einer solchen Konzentration zu bewältigen, dass es ein Wunder war, dass sie seine Frage nebenbei noch gehört und verarbeitet hatte. Rutherford? (Antworte ihm), bat sie stumm, doch das Chamäleon schien sich zu sträuben. (Er wird mich nicht hören können), erwiderte das Reptil stur, und es klang nicht danach, als würde er erklären, warum. Dass diese Information ebenfalls an ihr vorüber gestrichen war, zwickte Jane genau so sehr in die Seite, wie der Umstand, dass sie nicht angemessen auf seine Versuche, Kontakt aufzubauen, reagieren konnte. Sie durfte einfach nicht - es ging nicht, nicht solange Janes selbst sich noch irgendwo in ihr zusammen kauerte. Ihr Blick wanderte langsam die Kante entlang, welche die Sonne durch den Schatten der Bäume auf das Gras vor ihnen malte, doch es war, als blickte sie dadurch. Seine Frage konnte sie nicht beantworten, ohne sprechen zu müssen, und sprechen stand nicht zur Option. Also hob sie leicht das Kinn und... nickte schließlich. Für ein Lächeln hatte sie nicht genug Kraft, Nicken war das einzig Positive, das ihr einfiel. Schließlich drehte sie den Kopf wieder herum und schwieg. Starrte nach vorne, Minute für Minute gegen den Wunsch, endlich AUFZUWACHEN, ankämpfend. . .
Keylam warf noch einen Seitenblick zu Jane, dann gab er die Konversationsversuche auf. Ihm musste das hier reichen, auch wenn es vom Gefühl her nicht viel mehr war als das, was sie in den letzten drei Tagen gehabt hatten. Sie saßen zwar nicht weit voneinander entfernt, aber der Andere hätte genauso gut irgendwo weit weg sein können. Trotzdem hatte er keinen Grund, sie allein zu lassen. Er blieb einfach sitzen, betrachtete vorwiegend Cítri, die sich von seinem Bein ins Gras hatte fallen lassen und dort jetzt Halme abzupfte und sich damit den Magen vollschlug. Wenigstens einem von ihnen ging es richtig gut. Er lächelte matt. Und so verstrich die Zeit einfach, ohne dass irgendetwas passierte. Auch daran hatte sich Keylam gewöhnt und es störte ihn nicht mehr – er konnte herumsitzen und auf nichts spezielles warten, ohne dabei halb durchzudrehen. Cítri kletterte gerade über Janes Schuh, um an das Gras dahinter zu gelangen.
Jeanny weinte nicht. Nie. Aber in diesem Moment war ihr danach zumute. Es war die Hilflosigkeit, die Leere in sich selbst nicht einordnen, füllen oder verstehen zu können. Sie wollte Keylam nahe sein, doch sie hatte Angst, was diese Nähe auslösen könnte. Alles in ihr schrie nach Rast und Schlaf, doch sie hatte in den vergangenen drei Tagen nichts anderes getan, also was genau wollte sie wirklich? Es ging hier nicht mehr darum, keine Schwäche zuzulassen – sie waren geschwächt, alle beide, und sie wussten es. Jane wusste es mehr als deutlich, und Keylam… nach über zehn Minuten hob sie langsam den Kopf und musterte sein Profil, lange und eingehend. Sie sah ihn, sah ihn wirklich; nicht nur seine Erscheinung und sein Gesicht, durch welches sie in den letzten Tagen hindurch geblickt hatte. (Sprich mit mir), flehte sie stumm, (sag irgendwas). Doch genau so, wie sie abgestumpft nach vorne gestarrt hatte, hockte nun er dort – gleichgültig und abwartend, völlig ohne Erwartungen. Sie spürte, wie sie wacher wurde, je länger sie ihn ansah, Minute um Minute – und wie all die Gefühle langsam aber sicher in sie zurück kamen, der Schmerz und die Angst und die Ungewissheit und die Trauer und die Wut und die Sehnsucht. Die Sehnsucht, die ihr fast den Atem raubte, die sich wie ein Kloß in ihrem Hals absetzte und sie noch schwerer machte; sie waren beieinander, und doch fühlte sich Jane unendlich allein. Wortlos streckte sie die Hand nach ihm aus, ganz langsam, und ihre Fingerkuppen berührten die wunde Haut über seinem Ohr, so leicht wie ein Windhauch. (Was haben sie mit ihm gemacht, Ruth?) Doch sie würde keine Antwort von dem Chamäleon bekommen . . .
Keylam wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber es konnten nicht nur ein paar Minuten sein. Zwischendurch spürte er, dass sie ihn ansah, widerstand aber dem Drang, den Kopf zu drehen und ihren Blick zu erwidern, aus Sorge sie damit zu verschrecken. Also beobachtete er weiter Cítri, das Gras, die Bäume weiter hinten, den Himmel. Er merkte genau, dass seine Betrachtungsweise gerade der glich, mit der er nach dem Krieg durch die Landschaft gegangen war. Keine „Aha, die Bäume kriegen endlich Blätter“-Betrachtungsweise sondern eine „Oh, ich kann sehen dass die Bäume Blätter bekommen“-Betrachtungsweise. Und darin war er lange Zeit so vertieft, dass die flüchtige Berührung an der Seite seines Gesichts ihn nach rechts wegzucken ließ. Nicht weil es wehtat, dafür hätte sie ihn schon kratzen müssen, sondern einfach aus einem schützenden Reflex heraus. Er hatte nicht damit gerechnet und sein Blick sagte genau das, als er sie ansah. Überrascht, fragend, verwundert und ein wenig auf der Hut.
Jeanny schreckte mindestens genau so weit nach hinten zurück, wie Keylam vor ihren Fingern. Sie blickte ihn ertappt an, aber auch fragend – und das erste Mal mischte sich so etwas wie bedauernde Sorge in ihren Blick. Sie ließ die Hände sinken und zog dann, endlich, ihre mittlerweile eingeschlafenen Beine unter sich hervor, legte sie ordentlich und gerade vor sich ins Gras und starrte sie dann eine Weile lang leicht bestürzt an – nicht, weil sie so überrascht war, ihre eigenen Beine in den etwas zu groß wirkenden Hosenbeinen zu erblicken, sondern weil Keylams Reaktion sie irgendwie schockiert über sich selbst zurückgelassen hatte. Ausgestreckt wie eine Marionette mit durchgeschnittenen Fäden saß sie dann dort, alles herunterschluckend, was sich in ihr angesammelt hatte. Tatsächlich SCHLUCKTE Jane, und ihre Kehle dankte es ihr keine Sekunde lang – aber sie konnte nicht anders. . .
Keylam bereute seine ungewollte Reaktion sofort, als Jane sich fast schlagartig wieder abwandte und auf ihre Beine starrte. Der kurze Moment zuvor, in dem sich ihre Blicke getroffen hatten, war eben genau das gewesen – viel zu kurz. Er blinzelte, betrachtete ihre zusammengesunkene Gestalt und ließ dabei selbst auch die Schultern hängen. Schließlich wandte er den Blick wieder ab, heftete ihn erneut an seine kleine Seelenpartnerin und konzentrierte sich darauf, ruhig zu bleiben. Beim nächsten Mal würde er nicht zusammenzucken, um Jane nicht abzuschrecken. Sie kam ihm vor wie ein sehr scheues Tier, das einfach seine Zeit brauchte, um sich ihm anzunähern. Aber es wäre leichter nachvollziehbar und erträglicher gewesen, wenn sie bisher auf jeden Menschen so reagiert hätte wie auf ihn. Da das nicht der Fall war, konnte er die nagenden Zweifel nicht vollkommen ausblenden – was machte er falsch?
Jeanny blinzelte ihre eigenen Beine an und versuchte, sich selber genauer zu verstehen. Sie wünschte sich ihre Gleichgültigkeit zurück, ihre Leere, doch je länger sie hier saß, umso mehr schnürte es ihr die ohnehin in Mitleidenschaft geratene Kehle zu. Je länger sie hier neben ihm saß, umso größer wurde die Angst um ihn. In dem Momenten, in denen sie stumm in einem Raum und weit voneinander entfernt gewesen waren, in denen Menschen zwischen und um sie herum gestanden hatten, da war das was anderes gewesen. Sie hatte geschlafen und ansonsten funktioniert. Aber nur zu funktionieren reichte in seiner Nähe nicht, sie musste auch fühlen… und das machte sie völlig fertig. Sie hatte wissen wollen, ob es ihm gut ging, doch sie konnte auch nicht fragen, und eigentlich wollte sie die vernichtende Antwort auch nicht hören. Sie wollte wissen, was sie vergessen und verpasst hatte, doch sie hatte unsägliche Angst davor, dass sie die Antwort nicht würde ertragen können. (Es wird alles gut), murrte Rutherford in ihren Gedanken, und seine Stimme klang widerwillig, aber fürsorglich. (Na los, mach schon). Mit seiner Ermutigung hob Jane wieder den Kopf, strich sich mit einer fahrigen Bewegung das dünn und stumpf gewordene Haar aus dem Gesicht und versuchte, Blickkontakt zu Keylam aufzubauen – gequält von den Fragen, die sie in ihren Blick versuchte zu legen. . .
Keylam konnte sich diesmal wesentlich schlechter auf die Umgebung konzentrieren, jetzt da sich Jane irgendwie geregt hatte. Er schwankte zwischen Hoffen und sich selbst Desillusionieren, eine ziemlich komplizierte und nicht miteinander funktionierende Kombination. Einerseits konnte er nicht glauben, dass es das gewesen war und die vergangenen fünf Tage alles kaputt gemacht hatten, andererseits neigte er gerade zu fürchterlichem Pessimismus. Immer dieses 'Und was wenn doch?' das da in seinem Hinterkopf pochte und nicht verschwinden wollte. Das war schon da seit er gemerkt hatte, dass er die Seelentiere nicht mehr hören konnte. Doch er schob es etwas beiseite, als er eine Bewegung aus dem Augenwinkel sah, wandte langsam den Kopf und sah sie vorsichtig an. Er hatte das Gefühl, dass sie ihn jetzt zum ersten Mal richtig ansah – zuvor hatte es ausgesehen, als wäre ihr Blick eigentlich nach innen gewandt. Er zögerte, dann startete er doch noch einen weiteren Versuch. „Hey“, flüsterte er, als wäre sie gerade erst hier neben ihm aufgetaucht.
Jeanny spürte, wie es ihr den Atem raubte – im wahrsten Sinne des Wortes, sie KONNTE nicht mehr einatmen. Betroffen hob sich ihre Brust, ihr ganzer Rücken wurde ein Stück gerader. (Sieh nicht weg, Jeanny), flüsterte sie sich selbst gedanklich zu, und woher auch immer sie den Mut nahm, sie brach den Blickkontakt zu ihm nicht ab. War das der Moment? Alle Fluten schienen gegen ihren inneren Staudamm zu schlagen, tosende Wellen, die an ihren inneren Mauern zerbrachen und sie dennoch langsam aber sicher zermürbten. Ihr Blick wechselte von seinem linken zum rechten Auge und wieder zurück, und plötzlich bekam sie tatsächlich etwas Farbe auf die Wangen. „Hey“, formten ihre Lippen lautlos, und sie schluckte leicht krampfig, ehe sie endlich wieder Atem schöpfen konnte. Ihre Finger ballten sich zu Fäusten und öffneten sich wieder, doch als sie selbst diese merkwürdige Geste bemerkte, unterband sie diese schleunigst. Ihr Blick wanderte fieberhaft nachdenkend von seinen Augen über seine Gestalt, das Gras, Cítri, ehe sie ihn wieder ansah und leicht den Kopf schief legte. „Okay?“, schien sie ohne Stimme zu fragen, und deutete schließlich vage auf ihn. . .
Keylam spürte die Veränderung in ihrem Verhalten und wagte fast wieder zu hoffen, dass sich daran erinnerte, was sie gehabt hatten. Er konnte ihre Angst sehen, von der er wetten würde, dass sie alle sie nun kannten – eine irrationale Angst selbst vor vertrauten Personen, weil genau diese Vertrautheit plötzlich fremd und weit weg erschien. Und man sich nicht mehr sicher war, ob man sich noch auf sie verlassen konnte oder ob sich in der Zwischenzeit etwas Grundlegendes verändert hatte. Es ging ihm nicht anders mit ihr, aber er konnte sich gerade keine Angst leisten. Er musste die Jane zurückholen, die er kannte, die er liebte. Und als sie antwortete – wenn auch ohne ausgesprochene Worte – hatte er das Gefühl, einen riesigen Schritt geschafft zu haben. Er lächelte, als ihn pure Erleichterung durchströmte – die sogar die Sorge darüber verdrängte, dass Jane offenbar nicht richtig sprechen konnte. Viel wichtiger war, dass sie überhaupt mit ihm zu reden versuchte und es nicht einmal bei der erwiderten Begrüßung beließ. Keylam brauchte zwar einen Moment, bis er ihre Gesten und das lautlose Wort zusammenbringen und verstehen konnte, nickte dann aber und lächelte noch mehr. Aus irgendeinem Grund wollte er selbst nicht laut antworten, so als wäre das ungerecht ihr gegenüber. Er machte stattdessen ihre Geste einfach nach und deutete auf sie.
Jeanny irritierte das Lächeln, das sich auf Keylams Gesicht ausbreitete – doch sie war froh, es zu sehen. Lächeln war etwas Positives, und wenn er lächelte, dann konnte es nicht sein, dass es ihm komplett furchtbar ging. Irgendwas Gutes musste da sein, irgendwas musste ihn ja zum lächeln gebracht haben. Dass es sich dabei um sie selber handelte, fiel Jane natürlich nicht ein. Sie atmete leicht erleichtert auf, als er nickte, und als er die lautlosen Worte zurück gab, streckte sie aus einem jähen Impuls ihre Hände nach seiner aus und umschloss diese. Die Stirn leicht gerunzelt sah sie erst ihn an, dann seine Hand, drehte diese in ihren so, dass die Handfläche nach oben zeigte und betrachtete die dort abgeschürfte Haut einen Moment lang. Dann hob Jane wieder den Kopf und sah ihn an, unglücklich und mit einer Spur von ungewollter Frage. Doch sie nickte, wenn auch zögernd. . .
Keylam merkte nicht, dass Jane mit seiner Mimik offenbar nichts anfangen konnte, weil es für ihn offensichtlich war. Er wollte ihr über die Wange streichen, sie umarmen und so lange festhalten bis sie beide Rückenschmerzen bekamen von der merkwürdigen Haltung, einfach nur um sicher zu gehen, dass sie da war. Um zu vergessen, was man ihr angetan hatte und glauben zu können, dass so etwas nie wieder passieren würde. Aber er durfte nicht. Nach den letzten Stunden war er sich sicher, dass sie sich ihm entziehen würde und er wusste nicht, ob er das aushielt. Deshalb verbot er es sich lieber und wartete auf den Moment, in dem sie es ihm stumm erlauben würde. Wann auch immer das sein mochte. Er reagierte auf ihr Nicken unbewusst ebenfalls mit einem langsamen Nicken. 'Okay' war eine gute Bezeichnung für ihren Zustand. Sie wussten alle, dass es sie schlimmer hätte treffen können. Für sie galt jetzt wohl die abgedroschene Formulierung 'den Umständen entsprechend gut'. Wenn man bedachte, was hinter ihnen lag, fühlte er sich eigentlich gerade prima. Jedenfalls bis sie seine Hand nahm und vorsichtig drehte. Er ließ sie nicht lange gucken und entzog sie ihr behutsam wieder. Seine Finger sahen einfach immer noch unschön aus und dankten es ihm, wenn sie nicht berührt wurden. „Wird wieder“, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage mit einem leisen Lächeln in der Stimme. „Genau wie deine Stimme.“ Ein bisschen Optimismus konnte nicht schaden, jedenfalls an Stellen, die wirklich wieder werden konnten.
Jeanny spürte immer deutlicher, wie all das, was sich in ihr nach Keylam sehnte, an die Oberfläche zurück kehrte. Es war so lange untergetaucht und dort fest gebunden gewesen, sie hatte es eingesperrt, um zu funktionieren, um einigermaßen atmen zu können, doch jetzt… jetzt war es, als könnte sie anders gar nicht mehr Luft holen. Sie atmete tief ein, dann noch tiefer, und als er seine Hand – deren kleine Finger übel zugerichtet aussahen – zurück zog; doch sie hielt ihn nicht fest. Sie hatte einen Blick darauf geworfen und sie verstand, irgendwas war passiert, in dem Keller, in dem sie… ihre Stimme verloren hatte. (Wenn man es sanft umschreibt, ja, stimmt), bestärkte Rutherford diesen Gedanken; und das sollte für’s erste genügen, damit sie sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrach. Keylam sagte, dass es wieder werden würde, und sie fragte ihn nicht mal, ob er es versprach – denn sie wusste, dass er nicht konnte. Also holte sie nochmals tiefer Luft, als müsste sie sich dazu überwinden, und nickte schließlich. Sie wollte ihn berühren, doch seine Hand hatte er ihm entzogen, und sie wollte nicht noch einmal in sein Gesicht fassen, da er dies offenbar nicht gewollt hatte. Jane spürte immer mehr, dass sie näher bei ihm sein wollte, viel näher, doch.. sie hielt sich auf Abstand, aus Unsicherheit, und vielleicht auch ein wenig aus Prävention. . .
Keylam war froh, dass sie nicht fragte, nicht einmal mit Blicken. Er wusste nicht sicher, wie lückenlos seine eigene Erinnerung war und wovon Jane noch wusste, aber er ging davon aus, dass sie sich an das Prozedere erinnern konnte. Und das danach … sein Blick wanderte zu Cítri auf der Wiese, dann zurück zu Jane. Auch da ging er davon aus, dass sie es wusste. Er hoffte einfach, dass sie und Rutherford nach wie vor ganz normal kommunizieren konnte. Dass das Chamäleon nirgendwo zu sehen war, verstärkte seine Sorge dabei ziemlich, auch wenn es natürlich gut sein konnte, dass er noch im Keller oder dematerialisiert war. Immerhin wusste er nichts von der Wandlung in der Beziehung der beiden und seine Frage nach Rutherford vorhin war ernst gemeint gewesen. Als sie nun so still nebeneinander saßen, fiel ihm das wieder ein. „Ist Rutherford in Ordnung?“, erkundigte er sich leise. Cítri hob bei der Frage den Kopf und stoppte ihr Herumgeknabber auf einem Grashalm für einen kurzen Augenblick.
Jeanny wiederrum wusste nichts von Keylams Überlegungen. Nichts davon, dass er dachte, sie würde sich an seine neue Barriere zwischen den Seelentieren und seinem inneren Ohr erinnern, nichts von der Folterung im Gefängnis. Wie auch? Wenn sie sich erinnern KÖNNTE, wäre es ja etwas völlig anderes. Sie hatte schwammige schwarze Flecken dort, wo Erinnerungen an die Grausamkeiten sein sollten, die man ihm angetan hatte. Während sie sich an das, was man ihr zugefügt hatte – und an ihre missglückten Lügen… ziemlich gut zurückerinnern konnte. Es fehlten nur Teile; so wie eben der Teil mit Keylam – als säße sie in einem Raum, der nur zu einem Viertel eingerichtet war, sodass sie alles andere auch nicht mehr wusste. (Antwortest du ihm?), bat sie Rutherford erneut – denn dass es zwischen ihrem Freund und ihrem Seelenpartner nie besonders gut gelaufen war, hatte sie sehr wohl noch im Kopf. Doch wieder verneinte das Chamäleon, und dieses Mal fragte Jane nach. Keylam konnte in der Zeit also ziemlich genau zusehen, wie sich der Ausdruck auf ihrem Gesicht von leichtem Frust zu Erstaunen und anschließendem Entsetzen, vermischt mit Mitleid, veränderte. Betroffen begegnete sie Cítris Blick, dann dem des anderen Katori. „Ohgott, nein…“, formten ihre Lippen unwillkürlich – und das war der Moment, indem sie sich fühlte, als müsste sie Keylam trösten. Näher bei ihm sein, um das aufzufüllen, das man ihm weggenommen hatte. (Wie lange schon?!), fragte sie verzweifelt nach, doch Rutherford wusste es nicht genau. Sie rutschte näher zu Keylam heran, streckte die Hände aus und – zögerte – legte sie auf seine Schultern. Dabei musste sie sich schräg vor ihn lehnen, schließlich saß sie eigentlich neben ihm. Ihr Blick huschte mitleidig über sein Gesicht. Und nicht zum ersten Mal wünschten sich die schnell und lautlos wispernden Lippen – zu undeutlich, um ihn lesen zu lassen – dass sie mit ihm sprechen könnte, wie mit Rutherford. . .
Keylam sah zwar, dass sich Janes Mimik veränderte, konnte dabei aber keinen Bezug zu dem herstellen, was er gefragt hatte. Es sei denn … nein, er hatte Rutherford in der Zwischenzeit gesehen, ihm konnte nichts zugestoßen sein. Bemerkte sie etwa gerade, dass etwas nicht mit ihm stimmte? Sorgenvoll musterte er sie, zwang sich abzuwarten und nicht vorschnell mit einer Frage einzuhaken und war dann völlig irritiert, als Mitleid in ihrem Blick aufflackerte. Erst als sie kurz zu Cítri sah, dämmerte ihm, dass sie bisher wohl doch nichts davon gewusst hatte. Sein Lächeln hatte einen bitteren Zug, als er sie ansah. „Ich arbeite dran“, versicherte er. Es kam ihm merkwürdig vor, dass sie so schockiert aussah, jetzt da er sich an die Stille in seinem Kopf auf eine schmerzliche Weise gewöhnt hatte. Und dann kam er doch schneller als erwartet, der Moment in dem sie einen Schritt auf ihn zumachte. Als sie aufrückte, sich vorlehnte und ihre Hände auf seinen Schultern platzierte, atmete er tief ein, beugte sich zu ihr und schloss sie behutsam in die Arme, was dank seines Schneidersitzes besser funktionierte als es aussehen mochte. Die Berührung zwischen seiner Schläfe und ihren Haaren war nicht die angenehmste, aber der Rest überlagerte das. Er hielt sie so vorsichtig wie möglich, damit sie mit dem Hals nicht gegen seine Schulter stieß und sich zurückziehen konnte, wenn es ihr zu viel wurde. Ganz egal wie lange sie das hier zuließ, jede einzelne Sekunde war unendlich tröstlich.
Jeanny störte sich irgendwie daran, dass Keylam lächelte. Erstens bedeutete es für sie, dass er wieder so tat, als wäre eigentlich alles in Ordnung – und sie wusste genau, dass das nicht stimmte. Zweitens erinnerte sie dieses Lächeln an die Jane, die sie in sich eingeschlossen hatte, und welche sich jetzt schon halb durch die Gitterstäbe gezwängt hatte. Sie spürte, dass ihr Brustkorb wieder zu schmerzen begann; doch es war kein körperlicher, kein physischer Schmerz – es hatte nichts damit zu tun, dass man ihr in den Bauch getreten und sie ausgehungert hatte. Es war die Sorge und das Bewusstwerden vom Leid, das man ihrem Freund, der Gruppe und ihr selbst angetan hat. Die Unerträglichkeit der Situation, die sie so sauber weggesperrt hatte; und die nun den Damm brach, um sie zu überfluten. Ihr Griff um seine Schultern wurde schwächer, sie blickte bedröppelt auf das Fleckchen Gras zwischen ihnen, versuchte sich zu sortieren. Doch hatte der Staudamm einmal Risse bekommen, war sie nicht schnell genug, die Lecks zu stopfen; und immer mehr von dem, was mechanisch funktionieren ließ, wurde davon getragen. Sie spürte seine Arme um ihren Körper, der sich irgendwie schmaler als sonst anfühlte – oder war seine Umarmung einfach vorsichtiger, weiter um sie herum, weicher? Ihre Hände rutschten von seinen Schultern und unter diesen hindurch auf seinen Rücken, während sie verzweifelt darüber starrte und ihre Gesichtszüge ihr immer mehr entglitten. Herzschlag um Herzschlag wurde alles um sie herum deutlicher, es war, als würde Jane endlich aufwachen. Und der Schmerz tat sein übriges. . . .
Keylam sah und spürte die Veränderung bei Jane nicht, die wohl irgendwann zu erwarten gewesen war. Jeder von ihnen würde früher oder später aufarbeiten müssen, was sie erlebt hatten – und das fing damit an, dass man darüber nachdachte und sich eingestand, dass man etwas wirklich schreckliches hinter sich hatte. Dass man dabei mehr oder weniger beschädigt worden war, physisch wie psychisch. Man konnte nichts reparieren, das man nicht als kaputt erkannt hatte. Bei Jane setzte diese Erkenntnis jetzt ein, bei Keylam selbst ließ sie nach wie vor auf sich warten. Er war schon immer gut darin gewesen, solche Dinge beiseite zu schieben, denn die Auseinandersetzung damit tat weh. Und es gab immer jemanden, den er trösten und dabei unterstützen konnte, so dass er sich selbst nur allzu gern dabei vergaß. Er strich Jane beruhigend über den Rücken, als er ein Zittern spürte, nicht sicher ob er es sich einbildete oder ob es wirklich da war. Und weil er sein Glück und ihre nervliche Stabilität nicht überstrapazieren wollte, ließ er sie schließlich los und wich ein kleines Stück zurück. Aufmerksam musterte er ihr Gesicht. „Es ist vorbei, alles kommt wieder in Ordnung“, versicherte er leise und lächelte. „Hast du Aaren schon gesehen?“
Jeanny wollte sich nicht von Keylam lösen – wollte nicht, dass er die frische Blässe in ihrem Gesicht sah. Sie war bleich und mit rastlos umherschwirrenden Augen; als ob sie nach etwas suchten, das sie nicht an die Zeit im Gefängnis erinnerte. Keylams Gesicht war es nicht – sie sah nach unten. Da waren Soldaten gewesen, Soldaten und Wasser und Fragen… und ein Strick. Und ein Helm. Eine Klammer? Sie blickte auf Keylams Arm; seine Hand konnte sie gerade nicht sehen. Dann schloss sie für einen Moment lang die Augen. (Fragst du ihn etwas für mich?), bat sie ihren Partner leise – und das erste Mal, dass es um Rutherford und ihren Freund ging, fühlte sie von der Seite des Chamäleons so etwas wie Bedauern. (Er kann mich doch nicht hören), erinnerte sie die leicht schnarrende Stimme, und Jane nickte leicht. Stimmt, wie dumm von ihr. Sie öffnete die Augen und suchte dann nach seinem Blick. Da war Leben in ihren Augen – Leben und eine Frage. „Versprochen?“, formten ihre Lippen, die Stirn gerunzelt, als zweifelte sie daran, dass er überhaupt antworten würde. Auf seine zweite Frage ging sie nicht ein, das hier schien wichtiger. . .
Keylam hätte sich gewünscht, sie würde ihn ansehen. Ihre Kommunikation war so eingeschränkt durch den Verlust ihrer Stimme und den seines Gehörs für die Seelentiere, dass ihm nicht viel mehr blieb als ihre Mimik zu enträtseln. Wenn sie ihn nicht ansah, war es, als würde sie sich ihm entziehen. Er schluckte und zwang sich zu Geduld, er hatte vorhin so viel länger gewartet und einfach ausgeharrt. Im Moment war er überzeugt davon, dass Jane einfach Zeit brauchte und darin die Lösung aller Schwierigkeiten lag. Ihre Stimme würde mit der Zeit wiederkommen, sie würde mit der Zeit wieder sicherer werden und alles würde werden so wie vorher. Zwischen ihnen. In dem Moment begegnete sie seinem Blick und er merkte, dass er die Luft angehalten hatte. Er musste sich förmlich darauf konzentrieren, auszuatmen und sein rasendes Herz zu ignorieren, dass sich über den wenigen Sauerstoff aufzuregen schien. Und über das, was Jane sich erhoffte. Sie musste sehen können, wie er haderte, wie seine Kiefermuskeln zuckten, als er die Zähne zusammenbiss und abwog. Und sie musste wissen, in welche Lage sie ihn damit versetzte. Wieder hielt er die Luft ab, sah zur Seite weg und zögerte ein klein wenig zu lange. Es ging doch nur darum, dass sie sich besser fühlte. Oder? War ein Versprechen nicht etwas Gutes? Etwas, das sie beide anspornte? Angespannt stieß er die Luft aus und begegnete ihrem Blick erneut. „Versprochen“, flüsterte er.
Jeanny bemerkte überhaupt nicht, wie sehr es Keylam belasten musste, dass sie ihn kaum ansah. Es war einfach, dass ihr so viel durch den Kopf ging, und sie sich unfähig fühlte, dies auch noch mit ihm zu teilen oder sogar in seinem Gesicht gespiegelt zu finden. Dass er ein Problem damit hatte, etwas zu versprechen, das er nicht halten konnte, wusste sie – aber wer wären sie, wenn sie jetzt noch an Sicherheit glauben konnten? Nie wieder würden sich Keylam und Jane in irgendetwas hundertprozentig sicher sein können – nie wieder würden sie auf diese Weise etwas versprechen können. Sie betrachtete ihn, während er in der Weite der Wiese eine Entscheidungshilfe zu finden suchte. Dabei ging es ihr wie ihm zuvor – sie hielt die Luft an. Als die Antwort kam, nickte sie leicht. Gut. Akzeptiert. Sie konnte ihm glauben; zumindest der erbärmlich geschwächte Teil ihrer selbst. Jane lehnte sich langsam nach vorne und lehnte ihre Stirn gegen seine Schulter auf Höhe seines Schlüsselbeins. Sie schloss die Augen und dache an nichts – und für diese Sekunden schien es, als wäre alles wieder gut. . .
Keylam hatte das Gefühl, unglaubwürdig zu klingen. Jetzt tat er das, wofür er Anthony insgeheim noch immer verurteilte, obwohl er wusste, dass es dumm war. Er tat es selbst. Hier und jetzt. Versprach etwas, von dem er nicht wusste, ob er es halten konnte, weil es nicht in seiner Macht lag. Wenn zu „gut“ zählte, dass er wieder mit den Tieren kommunizieren konnte, hielt er es sogar für unwahrscheinlich, dass dieses Versprechen eine Chance hatte. Er atmete tief ein und versuchte, es nicht wie ein Seufzen wirken zu lassen, doch als sich Jane vorsichtig an ihn lehnte, wurde es genau das. Ein Seufzen, das all das ausdrückte, was in ihm gerade vorging. Erleichterung, Hoffnung, Angst vor der Zukunft, Erschütterung, Hilflosigkeit, Enttäuschung über sich selbst. Zu viel, um es in Worte zu fassen. Behutsam legte er seinen Arm um sie und strich ihr mit dem Daumen über den Oberarm. Jetzt hatte er sich selbst eine Bürde aufgehalst, deren Gewicht Jane vermutlich gar nicht sah. Und er war entschlossen, dieses Versprechen tatsächlich zu halten.
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Jaylam CP Plot XII

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