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 (Jaylam) I promised you, I said never again, no never.

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Endstation Sehnsucht
An der Endstation Angekommene
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BeitragThema: (Jaylam) I promised you, I said never again, no never.   Di Aug 27, 2013 6:04 pm

Jeanny s Kopf brummte. Abgesehen davon, dass sie sich auf nichts konzentrieren konnte, dass sie die geschehen Ereignisse noch nicht richtig verarbeitet hatte, war ihr speiübel. Noch immer – obwohl sie bereits am Morgen bevor alles angefangen hatte direkt in die Büsche gekotzt hatte. Und das nach ihrer ersten Nacht in Keylams und Quinns Zelt! Gerade wollte sie daran denken, dass sie sich beim nächsten Mal zusammen reißen musste, bis ihr einfiel, dass es vielleicht kein nächstes Mal gab. Nicht, solange sie hier drin saßen. Sie hatten sie nämlich gefunden, die Regierung hatte die Katori gefunden. Noch immer stierte sie auf die Gitter der Tür, durch welche Anthony und Dalvin gerade nach draußen gebracht worden. Ihr Herz pochte noch immer heftiger als gewohnt. Ansonsten hatte sich binnen der letzten Stunden nichts verändert – sie saß neben dem Klo auf dem Boden, den Rücken gegen die Wand hinter sich gepresst, die Knie angezogen, die Arme darum geschlungen, ganz bleich im sommersprossigen Gesicht. Und sagte nichts, seit Stunden nur den Geschmack von Erbrochenem auf dem Mund. . .
20:09 Keylam löst sich in Luft auf...
Jeanny: top!
20:10 Keylam kommt aus dem Raum WorldTalk herein...
Keylam konnte noch immer nicht glauben, was in den letzten 24 Stunden – exakt so lange dauerte der Albtraum jetzt – passiert war. Klar hatte er immer noch im Hinterkopf gehabt, dass die Regierung bestimmt nicht so schnell aufgab. Aber für so extrem hatte er die Gefahr nicht gehalten. Und nun saßen sie hinter Gittern wie Schwerverbrecher, getrennt vom Rest der Gruppe und ohne genaue Ansage, weshalb man sie festhielt. Und weshalb die Anderen nicht. Dass sie Tiere hatten, wussten die Männer der obersten Truppe. Aber das schien nicht der ausschlaggebende Punkt zu sein. In den letzten Stunden hatte er kaum geschlafen und sich stattdessen den Kopf darüber zerbrochen, was ihnen bevorstand und weshalb. Mit welchen Begründungen die Regierung diese willkürliche Verhaftung stützen wollte. Aber auf eine irgendwie beruhigende Antwort war er nicht gekommen. Nun hockte er mit angezogenen Beinen auf einem der beiden Betten und starrte an die andere, gelblich gestrichene Wand. Dalvin und Thony waren seit vielleicht fünf Minuten weg. Sein Blick glitt erst zu Cítri, die gut sichtbar auf dem Fußboden lag und sich dort zusammengerollt hatte. Danach hinüber zu Jane, die ähnlich wie er zusammengekauert geradeaus starrte. „Alles gut?“, flüsterte er, weil der Wachmann vor der Tür nicht alles mitkriegen musste. Natürlich war nichts gut, das wusste er. Aber sie sah seit Stunden so aus, so bleich und krank und so, dass er einfach fragen musste.
Jeanny starrte die Gitterstäbe an, stierte, als könnte sie dafür sorgen, dass sie unter diesen Blicken heiß wurden und schmolzen. Dann würde sie sich Rutherford schnappen – der außerhalb ihres Sichtfeldes in einer Ecke zusammengerollt und im dunkelsten grau, das er hinbekam, wartete – und einfach abhauen. Aber das war nicht drin. Und außerdem konnte Blicke nichts schmelzen. Vielleicht dachte sie auch, dass Anthony und Dalvin so schneller zurück kommen würden, aber selbst das würde sie nicht weiterbringen. Sie hockten eben hier, zusammen gefangen und trotzdem alleine. Keylams raues Flüstern riss sie nur bedingt aus den Gedanken, eigentlich hatte sie die ganze Zeit darauf gewartet, dass er etwas sagte. Irgendwas. Nachdem er es dann getan hatte, nickte sie nur mechanisch und starrte weiter die Gitter an. Ihr war immer noch schlecht, sie fühlte sich immer noch zerschlagen. Nichts war besser geworden, gar nichts. . .
Keylam musterte sie noch einige Herzschläge lang, als müsste er über ihr Nicken nachdenken. Oder über ihren erstarrten Gesichtsausdruck. Die Situation war scheiße, das sah er auch. Aber komischerweise herrschte in ihm noch immer Zuversicht vor. Sie konnten sie nicht gefangen halten, sie hatten nichts gegen sie in der Hand! Er wollte, dass Jane auch daran dachte, dass sie ihre Sorglosigkeit wiederfand und nicht weiter so beängstigend still in der Ecke saß. Schließlich erhob er sich und ging die wenigen Schritte zu ihr, hockte sich direkt vor ihr hin und sah sie ernst an. Sie starrte zwar zur Seite und erwiderte seinen Blick nicht, aber er hatte Geduld. Und ihm war es egal, was der Wachmann dachte, der unbeeindruckt zu ihnen sah. Sie hatten ihnen gesagt, dass der nur darauf aufpasste, dass Rutherford, Cítri, Jadiya und Feya sichtbar blieben. Letztere hatten seinen Bruder und Dalvin begleiten dürfen – oder müssen, wie man es wollte – und so waren sie nun wirklich beinahe allein. „Sieh mich an“, bat er leise und verzichtete darauf, sie zu berühren. Ein untergründiger Impuls hielt ihn davon ab. „Jane ...“
Jeanny s Augen fingen an, zu tränen, aber sie starrte weiter – obwohl das genau den gleichen Effekt hatte, wie wenn sie sie geschlossen hätte. Sie sah nicht wirklich etwas, sie blickte durch alles hindurch, wie verschleiert. Am Rand bemerkte, sie, dass Keylam aufstand. Sie widerstand dem Drang, den Blick zu heben, ihn seine große Gestalt herauf wandern zu lassen und sich zu fragen, wie lange sie wohl noch bei ihm sein durfte. Jane wusste, dass es bestimmt nicht lange sein würde. Sie würden sie trennen, und wenn sie ihrem Egoismus gegenüber ganz ehrlich war, war das die Sache, die ihr am allermeisten wehtat. Als sich Keylam vor sie hinhockte und sie ansah, fragte sich Jane, ob es irgendwas bringen würde, schon jetzt auf Abstand zu gehen. Ihr Herz zog sich zusammen, als er ihren Namen nannte, und sie warf alle Überlegungen über Bord, wandte den Kopf zu ihm herum und sah ihn schweigend und mit ernster Miene, müde, blass, besorgt und mit Schatten unter den roten Augen an. . .
Keylam ließ sich nichts anmerken, aber ihr Gesichtsausdruck beunruhigte ihn. Die Jane die er kannte, schien wie ausradiert zu sein, ausgewechselt, getauscht. Seine Augenbrauen zogen sich leicht zusammen und um seine Mundwinkel zuckte die traurige Andeutung eines Lächelns. „Wir klären das.“, versprach er ihr leise. „Blazes of light …” Sein Blick huschte ganz kurz in Richtung des Wärters. Das Wort Zirkus wollte er lieber nicht erwähnen, aber er versuchte ihr so klar zu machen, was er für den Grund für ihre Festnahme hielt. Und die Randale auf dem Zirkusgelände konnten sie entweder so lange abstreiten bis es beigelegt wurde, oder zugeben und als dummen Kinderstreich darstellen. Als Mutprobe, unbedachte Handlung. Nur kein rebellischer Akt. „Das ist ein Missverständnis, glaub mir.“, redete er weiter leise auf sie ein. Dann war sein Impuls verschwunden, seine Hände umschlossen wie von selbst ihre Schultern und er zog sie mit sanfter Gewalt auf die Füße. Dann machte er einen halben Schritt auf sie zu und schloss sie in die Arme, hielt sie fest, damit sie nicht wieder auf den kalten, nackten Betonboden rutschte und ihm dort unten vollkommen entglitt.
Jeanny , die sich schon seit sie hier waren, in einer Ecke auf dem Boden zusammen gekauert hatte, war noch nie aufgefallen, dass Keylams so leuchtend blaue Augen auch dunkel sein konnten. Für sie wirkten sie momentan so – nicht mehr strahlend blau, sondern dunkel. Wahrscheinlich hatte sie gerade schwere Wahrnehmungsstörungen, dachte sie sich und blinzelte das erste Mal seit gefühlten Stunden. Wie konnte er jetzt noch lächeln? Langsam rutschte ihr Blick von seinen Lippen auf den Boden, ohne richtig etwas zu sehen. Wir klären das. Keylam dachte, es läge daran, dass sie ein paar Tiere aus dem Zirkus freigelassen hatten – aber Jane wusste, dass es anders sein musste. Sie wusste es einfach. Trotzdem nickte sie wieder, vollkommen abwesend, mit den Gedanken noch immer ganz wo anders, als bei dem Mann vor sich. Widerstandslos ließ sie sich von ihm auf die Füße bringen und fiel ihm fast entgegen, als er sie schließlich in die Arme schloss. Nach einigen Augenblicken Starre fing sich Jane an zu entspannen. Sie schloss die brennenden Augen und hob den rechten Arm, um ihn um seinen Rücken zu legen und die Umarmung damit leicht zu erwidern. . .
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Endstation Sehnsucht
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BeitragThema: Re: (Jaylam) I promised you, I said never again, no never.   Di Aug 27, 2013 8:07 pm

Keylam hatte keine Schwierigkeiten, ihren Blick unverwandt zu erwidern. Aber entweder es lag an Jane selbst, oder er merkte soeben, dass er nicht gut darin war, Emotionen aus Blicken zu lesen. Der Ausdruck in den Augen seiner Freundin kam ihm nicht vertraut vor und beunruhigte ihn. Vielleicht, weil er tatsächlich leer war. In diesem Moment, in dem sie noch zusammen auf dem Boden der kalten Zelle hockten, mochte es absurd erscheinen, dass sich Keylam mehr Sorgen um Jane machte, als um die gesamte Situation. Als um Dalvin und Anthony, die sie möglicherweise nicht einmal mehr wiedersehen würden, weil sie woanders untergebracht wurden. Ihm blieb nur noch seine Freundin. Und er konnte es, erfüllt mit haufenweise irrationalem Kampfgeist, einfach nicht ertragen, dass sie in einer Ecke hockte und sich geschlagen gab. „Es gibt nichts, wofür sie uns einsperren können“, führte er seine Überzeugungsversuche fort und sprach damit seine stillen Überlegungen aus. „Weil wir kein Gesetz gebrochen haben.“ Mit Worten versuchte er, das fortzuführen, was er mit der Umarmung bereits begonnen hatte. Er wollte sie aufbauen, ihr Halt geben und sie beruhigen. Dass er sich mit seinen Worten gleichzeitig auch selbst beruhigte, war ihm nicht bewusst. Schließlich drückte er sie fest an sich, vergrub sein Gesicht in ihren Haaren und schloss kurz die Augen. Seine Hand strich über ihren Hinterkopf.
Jeanny begann langsam, sich zu entspannen. Vielleicht lag es am vertrauten Duft von Keylams Klamotten, oder daran, dass sie die Zelle nicht sehen konnte, wenn sie ihr Gesicht gegen seine Brust presste. Zögerlich hob sie auch den zweiten Arm und schlang ihn um seinen Rücken, so, dass ihre Hände auf seinen Schulterblättern lagen. Ihr war nach heulen zumute, weil er so scheußlich optimistisch war, aber Jane heulte nicht. Ihr war immer noch schlecht, sie war vollkommen erschöpft und sie konnte sich immer noch nicht vorstellen, dass alles so einfach war, wie er sagte – aber am Schlimmsten war, dass sich Rutherford komplett von ihr abgeschottet zu haben schien. Sie spürte ihn kaum noch, es war, als wäre er ganz weit, weit weg. „Mir ist schlecht“, flüsterte Jane ganz leise und war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt verstand. Ihr Magen rumorte, sie hatte seit gefühlten Ewigkeiten nichts mehr gegessen. . .
Keylam hätte noch so lange dagestanden, bis sie irgendetwas gesagt oder sich von ihm losgemacht hätte. Ihre Schweigsamkeit war es, die ihn mit am meisten beunruhigte und so verspürte er zumindest ein klitzekleines bisschen Erleichterung, als sie etwas sagte. Nur was es war, verstand er nicht, dafür war sie zu leise, redete in seinen Pullover hinein und er war hörtechnisch zu eingeschränkt, um die Worte erahnen zu können. Normalerweise hätte er einfach nicht reagiert, so wie er es meistens machte, wenn das nicht Verstandene keine Frage war. Aber dafür war ihm der Augenblick einfach zu wichtig, die Worte – egal wie leise und unbedeutsam sie vielleicht waren – zu wertvoll, weil sie ihr Schweigen mit ihnen gebrochen hatte. „Was?“, flüsterte er deshalb fragend zurück. Er ging das Risiko ein, taktlos zu sein und überflüssigerweise nachzuhaken. Aber das war ihm gerade egal.
Jeanny spürte, wie es in ihrem Magen erneut rumorte. Ohgott. Sie versteifte sich wieder, und spätestens, als Keylam nachfragte, was sie gesagt hatte, löste sie seine Arme von ihm und machte einen Schritt zurück. Nur – da war die Wand. Also schickte sie ihm einen halbwegs panischen Blick, stieß ihn leicht von sich weg und drehte sich dann blitzschnell um. Gerade so schaffte sie es, sich über die Porzellanschüssel zu hängen, bevor ihr Erbrochenes aus Mund und Nase rauschte. Sie hustete, so schnell, wie es gekommen war, schien es auch wieder vorbei zu sein. Es hatte sich angefühlt, als hätte man sie mit heißem, stinkendem Wasser geflutet. Zitternd blieb sie über der Kloschüssel hängen, mit vor Scham roten Ohren und Wangen, mit Tränen in den Augenwinkeln und einer stark angeknacksten Würde. Aber es hätte schlimmer kommen können - wenn Dalvin und Anthony auch noch hier gewesen wären. . .
Keylam ließ seine Arme nur einen Sekundenbruchteil sinken, nachdem sie es getan hatte und ließ sie zurücktreten. In seinem Blick spiegelte sich die Verwunderung, die nicht kleiner wurde, als er ihrem plötzlich gehetzt wirkenden begegnete. Aber er musste nicht fragen, die Angelegenheit erklärte sich direkt darauf von selbst, mehr oder weniger. Unbeholfen blieb er, wo er war und wusste nicht, was er machen oder sagen sollte, um ihr irgendwie zu helfen. Das Einzige, was für ihn vorstellbar hilfreich wäre, war nicht möglich – nämlich, Jane allein zu lassen. Also blieb er unentschlossen stehen, zumindest bis er bemerkte, dass der Wärter zu ihnen glotzte und nicht mehr Cítri und Rutherford beobachtete. „Wir brauchen irgendwas zu Essen, verdammt! Seit gut 20 Stunden sind wir hier und haben weder Essen noch Trinken bekommen.“ Seine Unsicherheit legte sich wieder und machte seiner Wut platz. Mit zwei Schritten war er ans Gitter herangetreten und stand nun neben Jane, sah aber weiterhin nach draußen, ihrem offenkundig unbeeindruckten Wärter ins Gesicht. „Bitte schicken Sie irgendwen. Zumindest Wasser und ein bisschen Brot ...“ – das klang wirklich – wirklich nach Gefängnis. Wie lange wollten sie sie hier noch herumsitzen lassen, ohne ihnen Lebensmittel zur Verfügung zu stellen? Diese winzige Zelle, die für maximal zwei Personen gedacht war, war schlimm genug. Aber offenbar war ihr Aufpasser nicht komplett taub und nickte seinem Kollegen zu, der weiter hinten, außerhalb ihres Sichtfeldes an einem Tisch saß. Keylam deutete ebenfalls ein dankendes Nicken an und wandte sich dann wieder an Jane. „Geht’s?“
Jeanny bekämpfte eine weitere Welle Übelkeit, während sie über der Toilettenschüssel hing, und presste die Lider zusammen. Ihre Augen tränten heftig, weil ihr Erbrochenes so heiß und bitter war, und ihre Nase bedankte sich bereits mit einem schrecklichen Brennen. Sie versuchte, zu schlucken, und obwohl sie es für unmöglich gehalten hatte, war ihre Kehle knochentrocken. Langsam aber sicher beruhigte sich ihre heftige Atmung, sie wischte sich den kalten Schweiß aus dem Nacken und versuchte, ihre Haare irgendwie aus Reichweite ihres Gesichts zu befördern. Glücklicherweise hatte sie schon mindestens anderthalb Tage nichts Festes mehr gegessen, sodass alles, was sie ins Klo gekotzt hatte, flüssig wie Wasser gewesen war. Sie betrachtete die Pampe und stellte traurig fest, dass es wahrscheinlich Bier war. Langsam richtete sie sich auf – ihr ging es schlagartig besser. Wahrscheinlich musste man immer, wenn man alles kacke fand, einmal ordentlich kübeln. „Mmmhm“, machte sie auf Keylams Frage und suchte nach seinem Blick. Sie blinzelte zwischen zwei vom Schweiß leicht feuchten Tränen hindurch und musste unwillkürlich grinsen. „Scheiße, und ich hab gedacht, ich müsste nie wieder von Alkohol kotzen“. . .
Keylam überkam in diesem Moment alles, was sein Optimismus vorher zurückgehalten hatte. Jane ging es schlecht, in seinem Magen klaffte auch ein bohrendes Loch aus Hunger, Wut und Angst, Thony und Dalvin waren weg. Die Anderen waren weg. Sein Bündnisstein war weg. Im Grunde hatte er ab dem Moment ihrer Festnahme gewusst, dass man sie einsperren wollte, weil sie Katori waren. Und dass man sie durchsuchen würde sowieso. Also hatte er seine Kette abgerissen und kurz entschlossen im Gebüsch fallen gelassen. Daran, dass er mal etwas um den Hals getragen hatte, erinnerte nur noch ein roter Striemen in seinem Nacken, weil die Kettenglieder nicht einfach zu zerreißen gewesen waren. Nun suchten sie nach einem Grund, um sie eingesperrt zu lassen. Was wollte er dagegen tun, wenn er doch einen so mächtigen Gegenspieler hatte? Eine ganze Regierung gegen sich zu haben, verschaffte einem nicht unbedingt Mut. Als Jane grinste, fühlte er sich, als hätte man die Luft aus ihm herausgelassen. Er trat vom Gitter zurück und sah sie matt an. „Was zu Essen brauchen wir trotzdem.“, sagte er, ohne dass sie das hinterfragt hätte. „Ach scheiße...“ Damit senkte er den Blick und setzte sich zurück auf das Bett, zog die Füße hoch und legte die Arme um die Beine. Aber er schaffte es nur kurz, die Wand anzustarren, ehe er das Gesicht unwillkürlich wieder Jane zuwandte und mit einem Nicken des Kopfes in Richtung des Platzes neben sich wortlos darum bat, dass sie sich neben ihn setzte.
Jeanny brauchte ein paar Momente, um sich zu sammeln. Sie spuckte ein oder zwei Mal aus, natürlich zu dem Rest in der Toilette, und erhob sich dann, um an der Kordel zum Spülen zu ziehen. Noch schwankte sie ein bisschen, aber sie spürte, wie sich alles um sie herum langsam aber sicher relativierte. Wahrscheinlich war es gut gewesen, dass sie sich übergeben hatte – sie fühlte sich wirklich etwas besser. Zumindest das ewige Gefühl, dass ihr schlecht war, war verschwunden und verschaffte ihr damit etwas mehr Klarheit, über die Situation nachzudenken, in welcher sie sich befanden. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah zu der Gittertür, als hätte sie diese gerade zum ersten Mal wirklich erblickt. Langsam wischte sie sich mit den Händen übers Gesicht, rieb sich die Augen und blickte dann wieder zu Keylam. Sie deutete seinen erschlaffenden Gesichtsausdruck als stumme Resignation. Wahrscheinlich dachte er, er müsste jetzt nicht mehr stark spielen, jetzt, wo es ihr augenscheinlich ein bisschen besser ging. Sie verzog das Gesicht und blieb stehen, wo sie war, stumm. Als er sich auf das Bett setzte und ihr schließlich bedeutete, zu ihr zu kommen, tappte Jane leise zu ihm herüber und kauerte sich neben ihm zusammen, in gleicher Position wie er, so dicht an ihm, dass sich ihre Körper berührten. Und wartete – diese elendige Warterei würde sie noch verrückt machen. . .
Keylam konnte nicht genau sagen, was der Auslöser für seinen Stimmungsumschwung gewesen war. Vielleicht tatsächlich Janes wiederkehrende Fröhlichkeit, soweit man in der Situation hier fröhlich sein konnte. Sie hatte ihn damit von seiner selbst auferlegten Pflicht befreit, sie aufzubauen. Und weil er sich selbst mit den laut gesprochenen Worten beruhigt hatte, kam eins zum anderen, schwand sein Kampfgeist und ließ ihn schließlich allein. Als sich Jane zu ihm setzte, blinzelte er nur, sah aber erst mal weiter nach vorn. „Denkst du, sie kommen wieder?“, fragte er leise. Es beunruhigte ihn, dass der Wärter jedes ihrer Worte hörte und sie sich garantiert wie ein Kassettenrekorder merkte. Nur antworten würde er nicht. Sie durften nichts Falsches sagen und er wusste nicht, ob es nicht vielleicht schon falsch war, sich überhaupt offen Sorgen zu machen. Vielleicht deuteten sie das als beginnendes Schuldeingeständnis, wer wusste das schon?
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BeitragThema: Re: (Jaylam) I promised you, I said never again, no never.   Sa Sep 07, 2013 11:19 am

Jeanny begann, innerlich zu zählen. Das hatte sie früher öfter gemacht, einfach um die Zeit totzuschlagen. Irgendwann später hatte sie sich dann darauf beschränkt, in Gedanken Gitarrengriffe durchzugehen – aber an die wollte sie in dieser Kammer nicht denken. Das passte überhaupt nicht zusammen. Sie kam nur bis zur Nummer zwölf, als Keylam erneut seine Stimme erhob. Jane sah ihn nicht an, keinen Moment lang – sie wusste ganz genau, dass er es auch nicht tat. „Weiß nicht“, murmelte sie und lehnte sich ein Stück vor, um an Keylam vorbei in den Raum zu blicken, in dem man ihre Seelentiere gefangen hielt. Jadiya und Feya waren fort. „Wahrscheinlich haben sie ne eigene Zelle bekommen, oder?“ Jetzt sah sie ihn doch an, verunsichert. Seine Miene wirkte erneut vollkommen versteinert auf sie, aber da sie zu erschöpft war, um etwas dagegen zu unternehmen, drehte sie sich einfach wieder von ihm weg und starrte stattdessen auf ihre Knie. . .
Keylam hatte kein System, mit dem er sich beschäftigen konnte. Er starrte einfach nur auf die Wand, betrachtete die Fasern der braunen Decke, die wirr auf dem anderen Bett lag und vermied es, zur Tür zu sehen. Der Wärter hatte sich nicht gerührt und Essen war auch noch keins aufgetaucht. Sie konnten nur warten, ohne zu wissen, worauf sie genau warteten. Auf die Rückkehr der beiden Anderen. Auf Gewissheit? Auf eine Anklage? Er hatte keine Ahnung. Aber er wusste, dass Jane wahrscheinlich Recht hatte. Es wäre wohl noch mit das beste, wenn Thony und Dalvin nur in eine eigene Zelle gekommen waren. Wenn sie hier willkürlich und ohne Anklage verhafteten, machten sie sicher auch schlimmeres. Seine Hände, die er verschränkt um seine Beine gelegt hatte, lösten sich und suchten die seiner Freundin. Er wünschte er könnte sie einfach so fest halten, dass es niemandem gelang, auch noch sie beide zu trennen. Ihm die letzte Person wegzunehmen, die ihm gerade noch blieb. „Ich will keine eigene Zelle“, flüsterte er und lehnte matt seinen Kopf in ihre Richtung. Aber weil sie nicht zu ihm sah, achtete er darauf, dass er sich nicht komplett an sie lehnte.
Jeanny war bei dreiunddreißig, als sie plötzlich eine zusätzliche Berührung an ihrer Schulter verspürte. Sie bemühte sich, keine Miene zu verziehen, als sie sich zu ihm umwand. Oh, sie wusste, dass sie fürchterlich aussehen musste, und ein ansatzweise fragender Ausdruck in ihrem Gesicht würde es auch nicht besser machen. genau so wenig wie das gequälte Lächeln, das sich für ein paar Herzschläge auf ihre Lippen stahl, ehe sie es verbannte und stattdessen ihren Körper so drehte, dass sie beide Arme um Keylam schlingen konnte. „Ich auch nicht“, flüsterte sie und zog sich näher zu ihm heran, sodass kaum etwas noch zwischen sie passen konnte. „…ich lass nich zu, dass sie uns trennen.“ Mutige Worte für jemanden, der eben noch kotzend über einer Kloschüssel gehangen hatte. . .
Keylam fiel auch auf, wie merkwürdig er wirken musste. Eben noch hatte er sich kämpferisch gegeben und nun musste Jane ihn aufbauen. Irgendwas war verkehrt bei ihm. Aber sein Elan, Widerstand zu leisten, war wie die Luft aus einem Luftballon gewichen, in den jemand ein Loch gepiekst hatte. Er atmete tief durch – kein richtiges Seufzen, sondern eher ein Beherrschen. Dann wanderte sein Blick auch noch einmal hinüber zu Cítri und Rutherford. Für sie alle stand so unwahrscheinlich viel auf dem Spiel. Und warum? Weil sie anders waren als normale Menschen? Weil sie mit Tieren sprechen konnten? Weil sie erreichen wollten, dass Tiere besser behandelt wurden? Waren DAS Verbrechen? Die Ungerechtigkeit an der ganzen Sache sorgte zumindest dafür, dass er nicht verzweifelte. „Ich auch nicht.“, bestimmte er leise und löste seine Hand wieder von ihrer, nur um ihr den Arm um die Schultern zu legen und jeden Rest von Distanz zwischen ihnen zu tilgen. Wenn sie sie wirklich trennen sollten, mussten sie jetzt jeden Augenblick nutzen, den sie noch miteinander hatten. In dem Moment bewegte sich der Wärter kurz aus dem Sichtfeld der Tür und schloss schließlich eine Art Fenster innerhalb des Gitters der Tür auf, durch das er ein halbes Brot herein reichte. Keylam ließ Jane los, rutschte vom Bett und war mit zwei Schritten angekommen, nahm das Brot und noch eine Glasflasche mit Wasser entgegen und murmelte noch schnell „Danke“, während der Wärter die Klappe wieder schloss.
Jeanny hatte aufgehört zu zählen, als Keylam seinen arm um sie legte. Sie schloss ihre Augen und lehnte ihre Stirn an seine Schulter, atmete seinen Geruch ein – der sich trotz des leicht an kalte Fäule erinnernden Gestanks der Zellen nicht verflüchtigt hatte – und versuchte, diese trostlose Welt um sich herum zu vergessen. Ihr Magen rumorte, stellte laut und deutlich fest, dass er nicht vergessen werden wollte. Seufzend rückte sie ein Stück von ihm ab, wollte ihr Shirt ein wenig nach unten ziehen. In diesem Moment rutschte auch Keylam von ihr weg. Unsicher hob sie den Blick, bekam dann aber mit, was Sache war. Für eine Sekunde kam ihr der irrwitzige Gedanke, loszustürmen und den Wärter durch die Gitterstäbe hinweg zu packen und zu schütteln. Als er wieder auf seiner Position Stellung bezog, war der Moment vorbei, und Jane saß immer noch auf dem Bett. . .
Keylam hatte ihren verunsicherten Blick nicht mehr bemerkt (wenn doch hätte der ihn wohl so ausgebremst, dass der Wärter das Brot vielleicht fallen gelassen hätte) und sah sie nun erst wieder an, als er sich mit den Sachen in beiden Händen von der Tür abwandte. Ganz kurz geisterte die Überlegung durch seinen Kopf, dass man dem Mann vor ihrer Tür vielleicht verboten hatte, mit ihnen zu sprechen. Jedenfalls hatte er, seit sie hier waren, nicht ein Wort mit ihnen geredet. Aber er hatte jetzt auch nicht das Bedürfnis danach, Smalltalk mit dem Kerl zu halten. Als er sich nun umdrehte, fing er Janes Blick wieder auf und hatte unwillkürlich das Gefühl, etwas verpasst zu haben oder etwas nicht zu verstehen. In ihrem Gesichtsausdruck lag etwas ganz Anderes, als er erwartet hatte. Seine Augen verengten sich kurz fragend, aber er sagte nichts und setzte sich schließlich schweigend wieder zu ihr. Dann hielt er ihr Brot und Wasser hin. „Vielleicht sollten wir etwas für Dalvin und Anthony aufheben. Falls sie doch noch wiederkommen.“ Während er sprach sah er zu Cítri und Rutherford. „Er frisst kein Brot, oder?“ Er befürchtete die ganze Zeit schon, dass sie auf die Bedürfnisse der Tiere überhaupt nicht achten würden. Cítri vertrug auch kein frisches Brot, das was sie hier hatten war aber sicher auch mindestens vier Tage alt und mittlerweile staubtrocken.
Jeanny blinzelte ihre Idee (oder eher ihren Wahnsinn) weg, und wartete geduldig darauf, dass Keylam sich wieder zu ihr hockte. Mittlerweile war sie dazu übergegangen, anstelle ihres Freunds das Wasser und das Brot zu fixieren. Erst, als er sie auf Rutherford ansprach, riss sie sich los und starrte stattdessen in das tiefe Blau seiner Augen. Dann zog sie die Schultern hoch. Der schulbewusste Stich, dass sie überhaupt nicht an das Chamäleon gedacht hatte, folgte erst zwei Sekunden später. „Hier krabbelt bestimmt genug Zeug rum“, vermutete sie. Dass sie damit zugab, überhaupt keinen Kontakt zu ihrem Partner zu haben, war für sie nicht weiter schlimm – dass sie Probleme mit Rutherford hatte, wusste Keylam, und dass sie beide starrköpfig genug waren, nicht miteinander zu reden – selbst wenn ihnen SO WAS passierte – war dann auch keine große Neuigkeit mehr. „Aber ja, lass uns was aufheben…“ …obwohl sie am liebsten sofort alles gegessen hätte und auch nicht glaubte, dass die anderen beiden Männer wieder kommen würden. . .
Keylam bemerkte mit dem Brot in unmittelbarer Nähe erst wirklich, wie hungrig er war. Seit Stunden hatte er das Gefühl, anstelle seines Magens nur noch ein Loch zu besitzen, das sich immer tiefer in ihn hinein bohrte, je länger es nicht gefüllt wurde. Demonstrativ knurrte dieses Loch auch, als er sich zurück aufs Bett neben Jane schob und mit ihr zusammen in den anderen Raum sah. Weder Cítri noch Rutherford hatten sich bewegt. Der 23-Jährige überging die Feinheit der Information in Janes Worten unabsichtlich. Er verstand ihre Aussage nicht als Statement, sondern entnahm ihren Worten nur, dass Rutherford nicht unmittelbar vom Hungertod bedroht war. Noch kurz verweilte sein Blick auf Cítri, die zu schlafen schien, dann brach er einen kleinen Teil des Brotes ab und legte ihn beiseite. „Sie braucht irgendwas.“, sagte er leise und machte sich dann daran, das Brot noch mal durch zwei zu teilen. Die eine Hälfte warf er auf das gegenüberliegende Bett, die andere halbierte er erneut. Was für sie einzeln blieb war eine Menge, die gerade so seine Hand füllte. Zögern betrachtete er seinen Teil und fragte sich, wann sie wohl die nächste Portion bekommen würden. Und wie lange er standhaft genug wäre, nicht die Häfte für Thony und Dalvin zu essen, wenn er seine jetzt abgab. Aber ein Mensch verhungerte nicht so schnell. Nach einem Tag schon so zu jammern ... okay eigentlich nach zwei Tagen ... war schon irgendwie schwach. Schließlich legte er seinen Teil des Brotes in Janes freie Hand und nickte, zum Zeichen dass sie ihn essen sollte. Sie brauchte mehr im Magen als er, weil sie definitiv nichts mehr drin hatte.
Jeanny sah auf das Brot, nur auf das Brot, während Keylam es teilte. Klar es war alt, es sah ein bisschen hart aus (zumindest außen) und es machte auch nicht den Eindruck, als wäre es mit viel Fürsorge oder einer extra- Portion Körnern gebacken worden. Trotzdem wirkte es auf Jane, als wäre es das herrlichste Brot der Welt. Sie rekapitulierte gedanklich jeden Schritt, den Keylam machte, während er das Brot brach. Erst der Krümel für Cítri, dann die Hälfte für die anderen Jungs, sollten sie wiederkommen, dann die Hälfte für sich und sie – und schwupps, hatte sie ihren Teil aus seinen Fingern gepflückt und drei, vier Mal auf dem Bissen herumgekaut, ehe sie ihn herunter würgte. Ihre Magen machte ein unzufriedenes Geräusch, ein beinahe unzerkauter Klumpen machte ihn auch nicht gerade glücklich. Als sie bemerkte, dass sie noch mehr Brot in den Händen hielt, blickte sie skeptisch auf. „Du brauchst auch irgendwas“, murrte sie. Trotzdem hielt sie das Brot weiterhin fest. Konzentriert versuchte sie, irgendeine Absicht aus seinem Blick zu lesen. . .
Keylam konnte natürlich nicht bestreiten, dass er liebend gern sein Viertel des Brotes selbst gegessen hätte. Aber es kam ihm einerseits nicht rechtmäßig vor und andererseits war er sich sicher, dass Jane dringender etwas essen musste als er. Also war es keine Frage, dass er verzichtete. „Iss.“, forderte er sie auf und lächelte kurz. „Aber versprich mir, dass du nicht mehr kotzt.“ Jetzt musste er sogar ein bisschen grinsen. Das wäre nämlich echte Verschwendung, die sie sich nicht leisten konnten und er ging so gesehen das Risiko ein, dass sein Teil des Brotes unverwertet im Klo landete. Aber er hoffte einfach, dass es auch ein wenig am Hunger lag, dass ihr Magen sich so beschwerte und bei ein wenig trockenem Brot Ruhe gab. Während Jane ihren Teil verdrückte, schraubte er die Flasche auf und trank drei Schlucke es abgestanden schmeckenden Wassers. Aber es löschte den seit Stunden währenden Durst und deshalb war ihm völlig egal, wonach es schmeckte. Auch wenn es seinem Magen nicht wirklich half, nur mit Wasser gefüllt zu werden. Aber wenn er schon nichts aß, musste er zumindest trinken, das war ihm klar. „Auf die Regierung.“, murmelte er und hob die Flasche prostend an, ehe er sie an Jane weiterreichte. Der Funke des Protests begann ihn wieder von innen zu wärmen.
Jeanny konnte ebenfalls nicht sagen, dass sie das Brot nicht gerne gegessen hätte. Und das, was sie für Anthony und Dalvin aufbewahrt hatten. Sogar der Krümel, den Keylam für seine Partnerin beiseite gelegt hatte, wirkte in ihren Augen irgendwie… schmackhaft. Sie schaute auf die milde Gabe ihres Freundes, dann wieder in dessen Gesicht. Bei seinen Worten musste sie ebenfalls ein bisschen grinsen. „Kann ich nich versprechen“, meinte sie und legte eine Hand auf ihren immer noch arbeitenden Bauch. Arschding. Sie hob das Brot beinahe bis zu den Lippen, dann warf sie es doch wieder auf Keylams Schoß. „Scheiße nein. Du wirst dich hier jetzt nicht wegen mir zu Tode hungern.“ Sie reckte das Kinn ein wenig und starrte ihn trotzig an. Das war doch beschissen! Sie wollte kein mitleid, und Almosen wollte sie auch nicht. Sie brauchte keinen, der sich um sie… kümmerte. Auf seinen Trinkspruch erwiderte sie nichts, sondern schnappt sich die Flasche und kippte deren Inhalt achtlos den trockenen und schmerzenden Hals herunter, der von der Magengalle noch ganz aufgerieben war. Gerade so schaffte sie es, sich von der Öffnung der Falsche loszureißen, bevor diese mehr als halb leer war, und gab sie schnell wieder Keylam zurück. Der konnte wirklich besser auf so was Verzicht üben, als sie. . .
Keylam war sich schon so sicher, dass er Jane überzeugt hatte, dass er sich gedanklich längst von seinem Brot verabschiedet hatte. Fühlte sich nicht schön an, aber es war aushaltbar. Und außerdem war es richtig, was er machte. Seine Mundwinkel zuckten erneut, als sie antwortete und er die Flasche an die Lippen setzte. Doch dann entschied sie sich im letzten Moment doch noch anders und das geviertelte Brot landete auf seinem Schoß. Überrascht hoben sich seine Augenbrauen, aber er setzte die Flasche nicht sofort ab, sondern ließ sich noch einen kurzen Moment Zeit. Dann aber gab er weiter und hob das kleine Streitobjekt auf. „Wir kriegen sicher bald Neues.“ Möglichst überzeugend erwiderte er ihren Blick, aber seine Standhaftigkeit schmolz dahin, als sein Magen wieder laut vernehmlich knurrte. „Meine Güte.“, brummte er und verzog das Gesicht, als hätte das Geräusch ihn verraten. Schließlich teilte er das ohnehin schon kleine Stück noch mal und drückte Jane sehr bestimmt die eine Hälfte in die Hand. Die andere verschwand schnell in seinem Mund. Aber so ein Brocken Brot half nicht mal ansatzweise gegen den Hunger, der fröhlich weiter in seinem Bauch rumorte und sich gebärdete wie ein Tier, das ihn von innen auffressen wollte. Eigentlich machte er es nur noch schlimmer, denn jetzt lechzte sein ganzer Körper nach mehr. „Zufrieden? Wenn die beiden in zehn Stunden noch nicht zurück sind, essen wir den Rest.“, erklärte er den Kompromiss und nahm die Flasche wieder an sich, um auch noch ein bisschen was abzubekommen. Die Hälfte wollte er ebenfalls für seinen Bruder und Dalvin aufheben.
Jeanny bemerkte schon ziemlich bald, dass ein wenig Brot und Wasser ihren Magen nicht gerade zu dem machten, was er mal war. Stattdessen fühlte sie sich, als hätte sie eine verklumpte Suppe im Bauch. Wahrscheinlich wären ihre Bauchschmerzen also selbst gekommen, wenn sie davon nicht hervor gehoben worden wären – praktisch als Einbildung. Nett. Sie runzelte bedeutend die Stirn, als sie Keylams Magen so ziemlich das Geräusch von sich geben hörte, welches ihrer aufgrund von irgendwelchen Verknotungen nicht machen konnte, und nickte ihm nochmals bedeutsam zu. Wo waren sie denn hier? Bei „iss-dein-Essen-Kind“? Sie wirkte immer noch ein wenig widerspenstig, als er seine Hälfte erneut teilte, aber aß es dann doch auf. „Zufrieden“, brummte sie, und ob es nun eine einfache Antwort auf seine eigentlich ziemlich rhetorisch klingende Frage an ihn oder einfach eine grimmige Feststellung sein sollte, überließ sie ebenfalls seiner freien Interpretation. „Und woher willst du wissen, wann zehn Stunden vorbei sind? Ich hab keine Uhr.“ . . .
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BeitragThema: Re: (Jaylam) I promised you, I said never again, no never.   Sa Sep 07, 2013 5:49 pm

Keylam sah Jane dabei zu, wie sie ihren Teil von seinem Teil vom gesamten Brot ... wie auch immer ... aß, als bestünde die Gefahr, sie könnte es plötzlich ihm in den Mund stopfen und ihn dazu zwingen, dass er es runterschluckte. Tat sie natürlich nicht. Er lächelte ein wenig und nickte ihr zu, als sie wenig begeistert fragte, ob er jetzt zufrieden war. Er war einfach froh, wenn sie so viel aß wie möglich war. Und ganz leer war er ja auch nicht ausgegangen, auch wenn sein Magen komplett anderer Meinung war. „Schon besser“, meinte er trotzdem und seufzte, als sie einen berechtigten Einwand aussprach. „Keine Ahnung. Nach Gefühl. Wir werden wissen, wenn sie nicht mehr kommen.“ Er runzelte die Stirn und sein Blick wanderte hinüber zu Cítri und Rutherford. Theoretisch konnten sie sie fragen, wo Jadiya war. Aber aus irgendeinem Grund traute er sich nicht, sie anzusprechen und genau das zu tun. Das war als würde man ein schwer verletztes Unfallopfer danach fragen, ob es einem anderen, ebenfalls Verletzten gut ging. Und gleichzeitig konnte er Jane das nicht vorschlagen, weil ihr Aufpasser ihnen zuhörte wie ein Diktiergerät. „Wir haben und so auf Hanya gefreut ... und dann landen wir im Gefängnis. Jetzt wäre ich lieber im Wald.“, murmelte er leise und schloss kurz die Augen. So hatte er sich die Rückkehr nach Hanya echt nicht vorgestellt.
Jeanny gab nur ein weiteres Brummen von sich, als sie die Antwort ihres Freundes hörte. War ja klar. Wenn dieses Stückchen ihr wenigstens geholfen hätte! Aber so verhielt es sich eben nicht, ganz im Gegenteil. Es kam der Rothaarigen vor, als hätte sie ihren Magen jetzt erst praktisch "angefüttert", und als wäre der noch gieriger auf Nahrung, als vorher schon. Aber schlecht war ihr zumindest nicht. Langsam musterte sie Keylam, erst seine großen, leicht bebenden Hände, dann den dichter werdenden Bart, dann sein bekümmertes Gesicht. Aus irgendeinem Grund traute sie sich nicht, näher zu rutschen und sich von ihm in die Arme nehmen zu lassen. Vielleicht war es, weil sie sich so nackt und ausgeliefert fühlte? Jane schluckte ihren Kummer mühsam runter und beeilte sich, eine einigermaßen neutrale Miene aufzusetzen. Bei dem Gedanken an ihr Zimmer, an ihre Wohnung, an die Vorstellung, mit Keylam über eine Brücke zu schlendern, wurde ihr wieder ganz schlecht vor Unglück. "Als du von unserer Rückkehr gesprochen hast, war der Part hier zumindest nicht involviert", brachte sie mit rauer Stimme hervor und senkte den Blick sofort auf ihre Knie. Er wusste, wie sehr sie am Ende unter dieser Reise gelitten hatte, weil es ihr nicht so gut ging, weil sie Heimweh verspürt hatte - gerade sie. Keylam hatte sie davon erzählen können. Keylam hatte ihr versprochen, dass es sich bessern würde. Warum waren sie dann jetzt hier? . . .
Keylam hatte das nicht bedacht, nein. Vielleicht war es naiv gewesen zu denken, dass Zuhause alles so sein würde wie immer. Dass sie ihr Leben einfach würden fortsetzen können. Sie hätten die Gefahr erahnen können, als sie ihre Verfolger bemerkt hatten. Aber sie waren – optimistisch wie eh und je – munter weiter spaziert und hatten sich schon nach wenigen Tagen Ruhe in Sicherheit gefühlt. Sie hätten wissen können, dass die Mannschaft einer Regierung nicht einfach aufgab, wenn sie sie fast eingeholt hatte. Aber nein. Und er hatte Jane auch noch gut zugeredet, wie es werden würde, wenn sie wieder daheim waren. Als er den Blick von ihren beiden Seelentieren abwandte und Jane ansah, wusste er, dass sie an das Gleiche dachte. Ihre folgenden, mühsam gesprochen wirkenden Worte bestätigten seine Vermutung. Und irrte er sich, oder schwang in ihrer Stimme ein leiser Vorwurf mit? Er versuchte es zu überhören, aber es gelang ihm nicht. Als sie den Blick senkte, wandte er seinen ebenfalls ab und schwieg verstimmt. Er kam sich schäbig vor, weil ihre Worte ihn wütend machten. Natürlich hatte er nicht gedacht, dass es so werden würde. Und wenn doch, hätte er seine Bedenken mit ihr teilen sollen, gerade in dem Moment, in dem sie Trost gebraucht hatte? „Manchmal ... verstehe ich dich nicht.“, flüsterte er und sah sie wieder an. Er fühlte sich ohnehin schon hilflos und sie verstärkte das noch.
Jeanny wusste nicht, warum sie das gesagt hatte. Es sollte kein Vorwurf sein. Sie wollte ihm nichts vorwerfen. Er war ihr Keylam, er war stark und er versuchte, sie aufzubauen, er versuchte, sie in Schutz zu nehmen, er schenkte ihr das verdammte Brot von sich selber und kämpfte immer noch irgendwie dafür, Optimismus zu wahren. Warum also hatte sie nicht ihre Klappe halten können? Sie spürte seinen Blick, als würde er sich ihr in den Kopf bohren, von der Seite. Sie wusste, dass er sie anguckte. Und konnte sich nicht dazu bringen, hochzuschauen und seinem Blick zu begegnen. Seine Worte machten alles nur noch so viel schlimmer. Was sollte sie tun? Das einzige, was ihr einfiel, war aufzustehen und zu gehen - so wie er damals am Strand einfach weggegangen war. Aber wo sollte sie hier hin? Verzweifelt hob sie den Kopf und ließ ihn durch den Raum schweifen, darauf bedacht, Keylam nicht in ihre Betrachtung mit einzubeziehen. Ihr Magen gab ein glucksendes, unzufriedenes Geräusch von sich. Hier war alles so kalt, alles so klamm, alles so feindlich. Sie wollte nichts lieber, als sich an ihn schmiegen, sich einzureden, dass sie zuhause war, dass alles gut werden würde. "Tut mir Leid", erwiderte sie, ohne ihn anzusehen. In ihrem Ton schwang Bitterkeit mit. . .
Keylam wartete darauf, dass sie seinen Blick erwiderte und ihm einfach erklärte, wieso sie ihm Vorwürfe machte. Vielleicht hätte ihm ein ehrlicher Blick von ihr auch gereicht, damit seine Wut verrauchte. Aber es stimmte, er verstand sie gerade wirklich nicht. Wenn er die Situation im Kopf umdrehte und sich vorstellte, sie hätte ihn auf der Wanderung aufgebaut, sie hätte ihm Dinge aufgezählt, die sie gemeinsam machen könnten. Und dann wären sie hier gelandet. Dann hätte sich sein Magen vor Unglück und Traurigkeit verkrampft, weil er wusste, dass er nicht der Einzige war, dessen Wünsche, Träume und Hoffnungen die Regierung zerschlagen hatte. Aber er wäre niemals darauf gekommen, Jane einen Vorwurf zu machen. Allein die Vorstellung kam ihm absurd vor. Und jetzt ließ sie ihn allein mit allem. Und natürlich sah sie ihn nicht an. In seiner Erinnerung suchte er nach einem vergleichbaren Moment und diesem Gefühl, das er gerade verspürte. Es steckte ihm wie ein Kloß im Hals und brannte heiß in seinem Magen – und es dauerte einige Sekunden, bis er es erkannte. Aber im Zusammenhang mit Jane hatte er noch nie so empfunden. Sie hatte ihn noch nie enttäuscht. Vermutlich musste es immer ein erstes Mal geben. Er antwortete nicht auf ihre Entschulding, sondern starrte schweigend und mit verschlossener Miene nach vorn. Auch wenn es dämlich war, sich in so einer Situation zu streiten und nachtragend zu sein, er kam nicht über seinen Schatten.
Jeanny wusste nicht, dass Keylam wütend war. Wenn sie es gewusst hätte, hätte sie es ihm wahrscheinlich auch nicht verübelt. Nicht mal ihre Entschuldigung hatte ehrlich geklungen – warum nicht? Es tat ihr doch leid, oder nicht? Sie wollte nicht, dass er sich schuldig fühlte. Er hatte hiermit überhaupt nichts zu tun. Langsam zog sie ihre Füße noch näher zu sich, legte ihren Kopf wieder auf ihre Knie und brütete stumm darüber nach, warum sie was gesagt hatte. Wahrscheinlich wollte sie einfach irgendwem die Schuld geben. Aber doch nicht KEYLAM dröhnte es in ihrem Kopf. Er wollte ihr helfen, sie trösten, er wollte für sie da sein! Sie hatte alles kaputt gemacht. Aber sich jetzt mit einem Messer schneiden und zugeben, dass sie Scheiße laberte? Wie hoch konnte der Stolz von einem Menschen sein, der sich nicht mal gegenüber des eigenen Geliebten eingestand, dass er im Unrecht stand? Jane musste schlucken, wieder und wieder. Als ihr Magen erneut grummelte, gab sie ein leises Stöhne von sich, lehnte sich nach hinten und ließ ihren Kopf mit einem dumpfen Geräusch gegen die Wand fallen. Dennoch hatte ihre Haltung etwas komplett verkrampftes an sich. Das einzige, was man zwischen ihnen hören konnte, war das Grummeln, Glucksen und Knurren ihres Magens. Erst jetzt bemerkte sie, dass in ihren Augenwinkel Tränen vor sich hin schimmerten. Jane biss die Zähne aufeinander und starrte zur Decke. . .
Keylam erwartete eigentlich ... ja was? Eine Entschuldigung hatte er bekommen, aber das war es nicht, was er gewollt hatte. Eine Erklärung, die er glauben konnte und die für ihn Licht ins Dunkel brachte, die Enttäuschung schmälerte und ihm das Verständnis zurückgab, das ihn sonst auszeichnete. In seinen Augen war das nicht schwer. Er war kein nachtragender Mensch, keiner den man ewig betteln musste, ehe er einem verzieh. Aber Jane gab ihm nichts. Nichts außer drei dahingesagten Worten, die sie nicht ehrlich meinte, das hatte er genau gehört. Vielleicht tat es ihr Leid, dass sie ihn verstimmt und getroffen hatte, aber sie entschuldigte sich nicht für ihre Meinung, dass er gewissermaßen eine Mitschuld an dem ganzen Desaster trug. Und das war es, was er nicht verstand. Was ihn hart bleiben ließ, auch als sie sich neben ihm verkrampfte und umpositionierte, wahrscheinlich weil ihr Magen immer noch Probleme machte. Seine Wut blieb und verhinderte, dass er sich nachgiebig zu ihr drehte und sie in den Arm nahm, auch wenn er das durchaus gern gemacht hätte. „Erklärs mir“, bat er und wusste, dass es weniger wie eine Bitte denn wie eine Forderung klang. Als er dann wieder zu ihr sah, verlor sein Gesicht für einen Augenblick alle Härte und Verschlossenheit und wurde stattdessen ungläubig, erschrocken, unsicher. Er wusste nicht, ob er der Auslöser war oder die gesamte Situation Schuld daran trug, dass Jane weinte. War es nicht egal? Seine Hand hob sich langsam und seine Finger streiften ihre Wange, so dass eine der Tränen haften blieb. Inzwischen hatte sich sein Gesicht bereits zum zweiten Mal verändert und wirkte nun schlicht müde. „Warum weinst du?“ Aus seiner Stimme war die Härte nicht komplett verschwunden und seine Frage klang auch nicht so, als wüsste er die Antwort nicht. Er wollte sie dazu bringen, es ihm zu erklären, ehrlich und so dass er wenigstens versuchen konnte, sie zu verstehen.
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BeitragThema: Re: (Jaylam) I promised you, I said never again, no never.   So Sep 08, 2013 1:24 pm

Jeanny versuchte, wieder zu zählen. Diese Methode hatte vorhin doch ganz gut geklappt, um die Zeit vergehen zu lassen? Sie biss die Zähne noch fester aufeinander, sodass man meinte, sie müssten bereits knirschen. Irgendwie klappte es nicht, sie verlor immer wieder den Faden. Dass in ihren Augenwinkeln bereits Tränen standen, hatte sie nicht mitbekommen – wie denn auch, wenn sie so versessen darauf war, gedanklich von eins bis hundert zu zählen. Erst als Keylam wieder irgendwas sagte, schien sie sich aus ihrer Starre zu lösen. „Ich mach's viel schlimmer“, flüsterte sie jetzt. Dieses Mal klang sie tatsächlich so, wie sie sich auch fühlte. Reumütig. Verbittert. Unglücklich – kreuzunglücklich. Der Blick der Rothaarigen war auf seinem Gesicht zu ruhen gekommen, die Miene kaum verzogen, die Augen, die er so unbeschreiblich fand, starr und voller Tränen. „Es tut mir Leid.“ Gott, dieses Mal klang es wenigstens auch so. Ihre Stimme schien erstickt zu sein, etwas, das Jane kurz darauf erst selbst zu realisieren schien. Wütend auf sich selbst hob sie ihre Hand und wischte sich damit über die Augen. Für einen Moment schien da nichts zu sein, außer ihrer brennenden Haut, die seine Berührung zurück gelassen hat. „Ich wollte nicht-“, fing sie an, und sie schien richtig verzweifelt zu sein. Irgendwas tropfte auf ihre Knie und auf ihr Shirt. Hatte sie die nicht eben weggewischt?! Ihren Blick hielt sie trotzdem auf sein Gesicht gerichtet. Sein wunderschönes, gequältes, verzagtes, verbissenes Gesicht. „Ich wollte dir so gerne glauben“, wisperte sie. Noch mehr Tränen. Verdammt, was war los mit ihr? „Wenn du-“, ach, nein, das konnte sie nicht sagen. Ihre Zähne gruben sich in ihre Unterlippe, sie ließ ihren Blick fallen. Das war dämlich, sie war so schwächlich. . .
Keylam wartete still und scheinbar gefasst. Sie hatten hier ja alle Zeit der Welt. Und auch als sie endlich – endlich! – anfing, zu sprechen, blieb er äußerlich ungerührt. Er blinzelte nur einmal und nickte gedanklich bitter zustimmend. Ja sie hatte es schlimmer gemacht, aber wenn sie schwieg machte sie es auch nicht besser. Sie wusste doch, dass er viel nachdachte und ein Talent dafür hatte, Tatsachen so zu verdrehen, dass sie in seinen Gedanken katastrophal wurden. „Du kannst zumindest versuchen, es mir zu erklären.“, bemühte er sich weiter und sah sie erneut an. „Gibst du mir wirklich die Schuld daran? Dass ich nicht geahnt hab, was da auf uns zukommt?“ Seine Stimme war zu einem Flüstern geworden, während sein Blick eindringlich ihr Gesicht musterte und darauf wartete, dass sie ihn erwiderte. Und diesmal tat sie ihm den Gefallen immerhin. Jetzt sah sie wirklich fertig aus und eine innere Stimme sagte ihm, dass sie genug hatte und er aufhören sollte, hart zu sein. Und doch schüttelte er schwach den Kopf, als sie sich erneut entschuldigte. Auf einmal wollte er aufstehen und weggehen, Abstand zwischen sich und sie bringen, um darüber nachzudenken. Ob er sich berechtigterweise nicht mit ihren Entschuldigungen zufrieden gab oder ob er sich da in etwas hinein steigerte. Vielleicht lag es auch wirklich an ihrer Situation, dass er so angespannt reagierte. Und vielleicht war auch die Situation der Grund dafür, dass er nun doch noch den Fehler bei sich suchte. Sie wollte ihm so gern glauben. War es falsch gewesen, ihr diese Hoffnungen zu machen? Es fiel ihm zunehmend schwerer, sie anzusehen, ihrem tränenverschleierten Blick standzuhalten und dabei keine Regung zu zeigen, sie nicht einmal tröstend zu berühren. „Ich habe mir geglaubt. Und ich denke nicht, dass es ein Fehler war.“, antwortete er und musste schlucken. „Was wenn?“
Jeanny zählte jetzt die nassen Tropfen, die sie auf ihren Knien sehen konnte. Eins. Zwei. Drei. Fünf. Acht. Sie schluckte. Sie heulte wirklich. Wann hatte sie das letzte Mal geweint? Ratlosigkeit. Wusste sie nicht mehr. War schon ewig her. Aus ihrer Nase lief es auch – Jane schniefte. War ein erbärmliches Bild, musste aber sein. Auf ein zusätzlich verschnoddertes Gesicht hatte sie wirklich keine Lust. Jane schniefte nochmal, hob die Finger und wischte sich kläglich über die Wangen. Aber die Tränen wurden davon nicht gerade weniger. Sie öffnete den Mund, um zu Antworten, aber sie brachte nur ein jämmerliches Schluchzen zustande. Verzweifelt vergrub sie das Gesicht in den Händen und schluchzte hinein. Sie fühlte sich schrecklich, schrecklich einsam, schrecklich ungerecht und schrecklich missverstanden. Warum war er so herzlos? Sie konnte doch auch vergessen, was er sagte, oder? Dass er Dinge für sich behielt, das wusste sie. Sie wusste es, und sie nahm es in Kauf. Sie versuchte, sich zu beruhigen, aber es wurde davon nicht besser. „Du bist doch nicht Sch-schuld!“, schluchzte sie in ihre Hände hinein. Jämmerlicher Anblick. Für jemanden, der sonst immer zu sich stand, hinter allen Dingen; die er tat oder ließ eine Erklärung parat hatte, verabscheute sie sich gerade wirklich zutiefst. Sie war absolut genau das, was sie an anderen Mädchen immer so zu meckern hatte – worüber sie sich sogar lustig machte. „Aber wie soll ich gl-glauben, dass alles wieder besser wird?“, begehrte sie auf, vollkommen verzweifelt. Sie hob den Kopf und sah ihn an, vollkommen verheult. Egal, es war Keylam. Er war ihr Freund. Ihr Geliebter. Zum ersten Mal war es ihr nicht peinlich, dass er sie so sah. Sie machte eine schlaffe Bewegung in den Raum. „Hier drin?!“, fragte sie und ihre Stimme schien übernatürlich laut. Wurde sie jetzt auch noch hysterisch? „Hier drin?!“, wiederholte sie und presste ihre rechte Hand mit überraschender Heftigkeit gegen seine linke Brust, irgendwo dort, wo ein Laie das Herz vermuten würde. Sie schniefte, schluckte, spannte alle ihren Sehnen und Muskeln am Hals an. „Wenn du schon falsch liegst, was ist dann richtig? Wenn du schon Unrecht hast, woran soll ich dann glauben?!“ Und sie hatte ihm doch so gerne glauben wollen! . . .
Keylam biss sich auf die Lippe, es fiel ihm sichtbar schwerer, sie nicht zu trösten und auf dem zu beharren, was er begonnen hatte. Es brachte ihn aus dem Konzept, sie weinen zu sehen. Zum Teil schob er es wirklich auf diesen Ort und ihre miesen Aussichten auf baldige Freiheit, dass sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Aber natürlich konnte er nicht leugnen, dass auch er seinen Teil dazu beitrug. Und doch hielten sich seine Schuldgefühle gerade erstaunlich in Grenzen. Wahrscheinlich würden sie dafür später mit all ihrer Heftigkeit über ihn hereinbrechen, doch im Moment fühlte er sich irgendwie ... separiert von seinen Emotionen. Er schluckte erneut und ließ sie erklären, während er sie unsicher beobachtete. Er hatte sie so noch nie erlebt, so komplett am Boden. Er hatte schon geweint und sie war dabei gewesen – und sie und Rutherford waren der Grund gewesen. Aber umgekehrt ... er hatte nicht so bald damit gerechnet. Schließlich schaffte sie es doch noch, seine Fassade bröckeln zu lassen, weil sie etwas sagte, das stimmte. Und dessen er sich untergründig bewusst war, aber von dem er hoffte, er könnte es selbst vergessen. Dass er sich und ihr etwas vormachte. Sein Blick huschte zu Boden, gerade als sie ihn wieder ansah. Aber nur so lange, bis ihre Stimme erschreckend laut durch die Zelle hallte und ihn noch mehr aus dem Konzept brachte. Hier drin? Er blinzelte sie verwirrt an und zuckte schließlich sogar zusammen, als sie plötzlich auffuhr und ihre Hand auf seine Brust presste. Sein Hinterkopf stieß unsanft gegen die Zellenwand, als er intuitiv zurückweichen wollte. Vor lauter Überraschung brauchte er einen Augenblick länger, um ihre verzweifelten Fragen erfassen und beantworten zu können. „Dinge ändern sich.“, meinte er leise und hob eine Hand, legte sie an ihre heiße, von Tränen nasse Wange. „Und darauf müssen wir uns einstellen. Das heißt wir warten. Und wenn wir kämpfen können, kämpfen wir. Und entweder kommen wir dann frei oder wir kämpfen weiter. So einfach.“ Er sah sie ernst an und gab nichts darauf, dass der Wächter vor der Tür wahrscheinlich gleich vermerken würde, dass sie hier eine psychisch labile und eine rebellische Person hatten. „Daran kannst du glauben. Und vor allem an dich selbst.“
Jeanny hoffte auf Erlösung. Oder auf eine Antwort. Auf irgendwas, das sie dazu brachte, nicht mehr zu weinen. Ein Taschentuch wäre jetzt irgendwie auch nicht verkehrt. Sie war komplett verzweifelt, hatte sich selten so zerstört gefühlt. Es kam ihr vor, als hätte man ihr einfach alles weggenommen – nicht nur Rutherford, nicht nur ihre Freiheit, nicht nur ihre ach so glänzende; helle Zukunft, sondern auch ihn, Keylam, sein Vertrauen und das Vertrauen in sich selbst. Alles, was sie besessen hatte, war ihn ihn gekettet worden. Die unabhängige Jane, die tat und ließ, was sie eben wollte, existierte schon lange nicht mehr. Sie vertraute ihm mit jeder Faser ihres Körpers, und er VERSTAND das einfach nicht. Ein jämmerliches Wimmern entwischte ihr, und sie konnte sich gerade so zurück halten, ihr Gesicht wieder hinter ihren Händen zu verbergen – damit sie diesen grässlichen Raum nicht mehr sehen musste. Und damit man sie nicht sah., nicht in so einem erbärmlichen Zustand. Also schlang sie ihre Arme wieder um die eigenen Beine und hoffte, dass das alles gleich vorbei sein würde. Nur ein böser Traum? Keylams Hand berührte ihre Wange, und genau so, wie er vorher zurück gezuckt war, zuckte nun auch Jane weg. Aber nur für den ersten Moment. Dann richtete sie den Blick aus den röter werdenden Augen auf ihn, hob die rechte Hand und schlang sie um sein Handgelenk, ein paar ihrer Finger halbwegs über seine gelegt, sodass er die Hand nicht wieder wegnehmen konnte. Sie sollte dableiben, sie hatte etwas unendlich tröstendes. Seine Worte hingegen zerschmetteren sie beinahe. Warum konnte sie nicht genau so hart kämpfen wie er? Wurde der Zwanzigjährigen genau das bewusst, was ihr Bruder ihr so lange erfolglos einzuprügeln versucht hatte – dass sie trotz allem immer noch ein verdammtes Kind war. Ich WILL nicht, dass Dinge sich ändern, schoss es ihr durch den Kopf, doch als sie die Lippen öffnete, um genau das zu sagen, kam nur ein jämmerliches Schluchzen heraus. Und noch eins. Ihre Finger krallten sich fester um seine Hand. DAS IST NICHT EINFACH. Nichts war daran einfach. „Kann ich nicht lieber an dich glauben?“, presste sie mühsam hervor, ihre Stimme schwankend, den Blick auf seine Brust gerichtet, als fürchtete sie ein nein. „Das wär so viel leichter.“ Nur ein kratziges Flüstern. „Das wär so viel leichter...“
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BeitragThema: Re: (Jaylam) I promised you, I said never again, no never.   So Sep 08, 2013 7:58 pm

Keylam versuchte, sich zu entspannen und einen klaren Kopf zu bekommen. Beherrscht atmete er tief ein und wieder aus und musterte scheinbar konzentriert die Wand, das Bett und das Brot, das darauf lag. Aber so richtig half es ihm nicht. Er wollte, dass sie aufhörte. Und ja, er wollte sie trösten. Aber er konnte es gerade einfach nicht. Wenn sie schwach war, gab er sich ganz von selbst stark, hatte er sogar selbst das Gefühl, wirklich stark zu sein. Und dann tauschten sie wieder die Rollen. Es ging nur nicht, dass sie beide schwach waren ... oder beide stark. Passte er sich ihr an oder sie sich ihm? Vielleicht versuchte er jetzt einfach nur genau so zu sein, wie sie ihn brauchte. Ein Felsen, unbezwingbar und kampfbereit. Unerschütterlich. Schön wenn er wirklich so wäre. Er verkniff sich ein Seufzen und ließ sogar ein wenig locker, als Jane nach seiner Hand griff und sie festhielt. Sein ruhiger, sicherer Blick begegnete ihrem verzweifelten, panischen. Er wollte sie in den Arm nehmen und ihr von irgendetwas erzählen, das sie ablenkte und beruhigte. Aber ihre Worte, ihre hoffnungsvollen Worte, verhinderten es. Konnte sie nicht lieber an ihn glauben. Ein schmerzliches Lächeln huschte über sein Gesicht, aber er blieb ihr eine Antwort schuldig. ‚Das kannst du nicht’, echote es nur in seinen Gedanken, die ausgesprochen werden wollten, weil sie wahr waren. Weil er sie nicht anlügen durfte. Aber im Augenblick erschien ihm eine Lüge besser als die Wahrheit. Er wählte schließlich den Mittelweg und schwieg, allein sein Gesichtsausdruck hätte verraten können, wie seine Antwort wirklich gelautet hätte. Er war niemand, an den man seinen Glauben hängen durfte. Auch er enttäuschte, auch er machte Fehler, auch er wählte falsche Wege. Er konnte ihr nicht das geben, wonach sie verlangte. Kurz noch sah er sie still an, dann beugte er sich nach vorn, schob seine Hand weiter bis zu ihrem Nacken und zog sie leicht zu sich. Sein anderer Arm umschloss sie, hielt sie fest. „Glaub an uns.“, flüsterte er und löste seine Hand, nur um sie richtig in die Arme schließen zu können. „Und kämpfe für das, an was du glaubst.“
Jeanny wusste gar nicht, ob Keylam es überhaupt zu „würdigen“ wusste, dass sie hier gerade heulte. In diesem Moment kam ihr der Gedanke natürlich nicht in den Sinn, aber später dachte sie das ein oder andere Mal darüber nach. Sie hatte wirklich, also ehrlich wirklich nicht mehr lange geheult – nicht mal eine kleine Träne verdrückt. Sprach es nicht für sich, dass sie sogar ihn vor sich hatte weinen sehen? Es war auf jeden Fall etwas vollkommen seltenes, und so seltsam es sich auch anfühlte, tat es ein bisschen gut, zu spüren, wie ihr Gesicht immer blasser und ihre Augen immer röter wurden. Sie schniefte und schluchzte und hielt sich jetzt kaum noch zurück, sondern wimmerte einfach in sich hinein, leise mit unverständlichen Worten vor sich hin klagend. Möglicherweise waren das die Tränen, die sie seit 9 Jahren zurück hielt, die sie immer wieder weggedacht und bekämpft hatte. In dem Moment, in dem sie also Keylam ins Gesicht sah und so sehr hoffte, dort etwas zu finden, an das sie sich klammern konnte, dachte sie überhaupt nicht daran, was das für ein ausgesprochen seltener, sensibler Augenblick war – später schon. Später dachte sie oft an die Stelle zurück, an der in dem Gesicht des Mannes, den sie liebte, geschrieben stand: KETTE DEINE HOFFNUNG NICHT AN MICH. Sie ließ den Blick fallen und schluchzte weiter. Widerstandslos ließ sie sich von ihm zu sich ziehen, legte ihr Gesicht gegen sein Brustbein und die Finger an seine Schultern. Er war so warm. Und so blieb sie liegen, heulend und schniefend, ohne irgendwas auf seine Worte antworten zu können, die ihr nur vorkamen, als wollte man sie über etwas soeben verlorenes hinweg trösten – und die außerdem der einzige, jämmerliche Ausweg war, den sie beide besaßen. . .
Keylam war sich der Bedeutsamkeit des Moments tatsächlich nicht bewusst. Vielleicht würde es ihm später noch auffallen, aber jetzt war so vieles seltsam, durcheinander und emotional, dass es ihm nur logisch erschien, dass es irgendwann auch aus Jane heraus brach. Komischerweise war er emotional nicht ansatzweise so weit wie sie. Andere Momente und Augenblicke brachten ihn zum Weinen, dieser nicht. Er war der Fels. Und es fiel ihm gar nicht schwer, jetzt genau dieser zu sein. Dass er sie damit nicht wirklich tröstete, war ihm nicht klar. Im Augenblick fehlten ihm wohl die richtigen Worte, um ihr zu helfen. Also zog er sie zu sich, bis sie zusammengekauert mehr oder weniger auf seinem Schoß saß, beugte sich nach vorn und hielt sie so fest er konnte. Sein Kinn berührte ihre Schulter, während seine Hand erneut über ihren Hinterkopf strich und er das Zittern ihres Körpers einfach abfing. Sie bebte und holte nur unregelmäßig heftig Luft, er dagegen versuchte, ganz normal zu atmen. Ruhig, so wie er auftrat. Vielleicht konnte er seine eigene Ruhe nach einer Weile auf sie übertragen. Und irgendetwas wollte er sagen, etwas das ihr wieder ein wenig Mut machte. So viele Versprechen lagen ihm auf der Zunge, doch die vergangenen Minuten verboten ihm förmlich, sie auszusprechen. Sie wollte, dass er ihr Hoffnungen machte, aber es durften nur welche sein, die sich auch erfüllten. Das stellte ihn vor eine unsagbar schwere Aufgabe – Schweigen wäre bedeutend einfacher. Er konnte ihr nicht einmal tröstend versichern, dass er bei ihr bleiben würde, denn hier im Gefängnis lag nichts mehr in seiner Macht. „Du ... kannst darauf vertrauen, dass ich an uns glaube.“, fing er dann leise an, behutsam jedes Versprechen umschiffend. „An uns beide, an dich, an mich, an meinen Bruder, Dalvin, Cítri und Rutherford. Und die Anderen draußen. Und ich glaube an Gerechtigkeit.“, fuhr er fort und pausierte kurz nachdenklich. „Deshalb ist es leicht für mich. Wenn sie gerecht sind, lassen sie uns gehen, denn wir haben nichts getan. Wenn sie es nicht sind, haben wir alles Recht zu kämpfen. Und dann wird mich nichts daran hindern.“
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BeitragThema: Re: (Jaylam) I promised you, I said never again, no never.   So Sep 15, 2013 8:35 pm

Jeanny konnte nicht aufhören, zu schluchzen. Wahrscheinlich war es tatsächlich so, dass sie dadurch, dass sie jetzt so lange nicht mehr richtig geweint hatte, eine Menge in sich angestaut hatte. Jetzt, wo die Rothaarige einmal angefangen hatte, konnte sie auch nicht aufhören. Sie fand die gesamte Situation einfach zum heulen – dass Keylam dachte, sie gäbe ihm Schuld an irgendwas, dass er ihr indirekt gesagt hatte, wie unverlässlich er doch war, dass er im Slalom um alle Versprechen herum kurvte, nur um keines machen zu müssen, dass Rutherford nicht mit ihr sprach, dass Anthony und Dalvin sonst wo waren, dass sie eingesperrt waren, dass es ihr Scheiße ging, dass sie Hunger hatte, ALLES. Es war einfach zu viel – zumindest für den Moment. Später würde Jane wieder stark sein können – sie wusste das. Aber hier und in diesem Augenblick, in welchem sie sich an Keylam klammerte und sein Shirt ganz nass von ihren heißen Tränen machte, konnte sie dem ganzen nicht mehr standhalten. Zu viele Gedanken drückten die Stimmung, die sie mit so viel Gewalt und Verbissenheit so dermaßen lange hatte oben halten könnten, direkt in einen schwarzen Abgrund. Daran änderten auch Keylams Worte nicht – sie kamen ihr merkwürdig vernünftig vor, viel zu sicher, viel zu hart. Alles, was er sagte, war voller Lücken, um ihr nichts zu versprechen, das er nicht halten konnte. Also weinte sie weiter, aus Hilflosigkeit, oder weil sie sich gerade so schön daran gewöhnt hatte, dass Tränen aus ihren Augen spritzen und sie sich an ihn pressen konnte, damit niemand ihr bleiches Gesicht sehen konnte. Und noch etwas machten Keylams Worte mit ihr – sie machten ihr Angst. So, wie er klang, war der Fall für ihn glasklar, er versuchte, sich seiner sicher zu sein, und sie wusste, dass er versuchen würde, an Gerechtigkeit und Vernunft zu appellieren. Aber das würde nichts nützen. Vollkommen unverständlich nuschelte sie in seine Sachen rein, dass er vorsichtig sein sollte, dass er besser aufpassen sollte, was er sagte, dass sie sich fürchtete – aber sie sagte alles so schnell und so weinerlich, dass sie ehrlich daran zweifelte, er könnte es verstehen. . .
Keylam verlor in diesem Moment sein Zeitgefühl. Er hatte keine Ahnung, wie lange Jane schon weinte, wie lange er sie festhielt und wie lange sie sich nicht dagegen wehrte. Er wollte auch nicht, dass sie sich wehrte, aber er wünschte sich, dass ihre Tränen versiegten. Nur was sollte er tun? Was noch sagen, das sie tröstete? Ratlos strich seine Hand über ihre Schultern. So lange sie nicht antwortete, erschien es ihm am vernünftigsten, ebenfalls abzuwarten und zu schweigen. Je mehr er redete, desto mehr konnte er auch kaputt machen, wenn er nicht aufpasste. Er presste die Lippen aufeinander und versuchte, irgendetwas aus ihrem Schluchzen herauszuhören. Aber sein kaputtes Ohr und ihre gedämpfte, von Tränen erstickte Stimme verhinderten, dass er auch nur ein Wort verstand. Unruhig ließ er sie los, nahm ihr Gesicht in beide Hände und lehnte sich zurück, so dass sich die Umarmung löste. „Was hast du gesagt?“, fragte er leise und versuchte es nicht entsetzt klingen zu lassen. Die meisten dachten immer, er würde sie aus Unglauben darum bitten, etwas zu wiederholen. Ihr Gesicht war rot fleckig und verquollen und schien von ihm zu verlangen, dass er sofort aufhörte, so fies zu sein und sie wieder in den Arm nahm. Vorsichtig strich er ihr die Haare aus der Stirn und lächelte ein klein wenig.
Jeanny wollte ihn nicht loslassen. Sie wehrte sich ein bisschen dagegen, als sie bemerkte, dass er die Arme von ihr löste und sie etwas von sich schob, um ihr ins Gesicht zu sehen. Auch das wollte sie nicht – sie wollte immer noch nicht, dass er sie heulen sah. Sie hatte gehofft, dass der Tag, an dem das passieren würde, niemals kam. Oder wenn, dann erst in zwei, drei Jahren. Schniefend machte sie die Augen zu und drehte das Gesicht von ihm weg. Sie wollte sein Lächeln nicht sehen, das machte es nur noch herzzerreißender. Sie hickste ein klein wenig, sie war so in diesem schluchzendem Rhythmus gewesen, dass sie angefangen hatte, unkontrollierter Luft zu holen. Es war ein bisschen, als hätte sie Schluckauf, nur schmerzhafter. Wie im Krampf holte sie ein paar mal Luft, klammerte ihre Hände um seine Handgelenke und hielt sich gleichzeitig daran fest, auch wenn sie seine Hände leicht nach unten zog. Ihre Knie taten weh, sie hatte das eine Bein ganz komisch angewinkelt, weil sie halbwegs auf seinem Schoß hockte, aber es war ihr total egal. Sie spürte, wie sich das Band um ihre Kehle schon wieder enger schnürte, und holte gequält Luft. Neue Tränen quollen hervor, tropften ihr über Wangen, Nase und Hals auf ihr Oberteil, auf ihre Beine, auf seine Hände. Ihre Nase lief schon wieder, sie schniefte. Ihre komplette Körperspannung war praktisch nicht mehr existent, sie saß da, wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. „Versprich mir was“, flüsterte sie, und ihre sonst so raue Stimme war ein dünner, hoher Ton geworden. Sie holte wieder krampfartig Luft, ihr Brustkorb bebte. Der Griff um seine Handgelenke wurde fester, eine oder zwei Tränen hatten den Weg sogar bis dorthin gefunden und liefen jetzt an ihren Armen herunter, bildeten kleine Rinnsäle. . .
Keylam spürte, dass sie sich sträubte und ließ sich dennoch nicht beirren. Er konnte und wollte sie nicht ausweinen lassen und warten, bis sie zu erschöpft war. Vor allem nicht, weil er immer noch der Auslöser war. Sein Lächeln war hilflos und schien wie der traurige Versuch, irgendetwas besser zu machen. Doch sie sah es ohnehin nicht, sie hatte den Kopf sofort abgewandt. Er seufzte leise und wollte gerade wieder nachgeben, als sich ihre Finger um seine Handgelenke schlossen und sie dort hielten, wo sie waren. Hoffnungsvoll verharrte er und sah sie eindringlich an, während sie Geräusche machte, als würde sie keine Luft mehr bekommen. Sorgenvoll schoben sich seine Augenbrauen zusammen, aber er sagte nichts. Eigentlich rechnete er nicht mehr damit, dass sie ihm antworten und ihre Worte wiederholen würde, aber dann öffneten sich ihre Lippen doch noch. Und obwohl sie immer noch schwer zu verstehen war, weil sie flüsterte und ihre Stimme komplett gebrochen klang, hörte er diesmal genau genug hin, mit leicht nach links gedrehtem Kopf. Doch ihre Bitte, ihre Forderung, ihre Erwartung, ließ ihn die Lippen verzweifelt aufeinander pressen. Was sollte er versprechen? Seine Gedanken rotierten, suchten nach irgendeinem Versprechen, das er gefahrlos geben konnte. Das er auch wirklich halten konnte, egal was kam. Warum musste sie ausgerechnet ihn um ein Versprechen bitten, wo er genau diese doch immer umging. Nicht nur hier in der Zelle, auch außerhalb und das schon immer. Ausnahmen machte er nur, wenn er sich sicher war, sie halten zu können. Wie das mit dem Lügen. „Ich verspreche nur, was ich für immer halten kann.“, flüsterte er zurück und hob sanft ihr Kinn an. „Bitte mich nicht das zu ändern, wenn du mir jetzt sagst, was ich dir versprechen soll.“
Jeanny fragte sich, was wohl so schwer daran war, sie zu Trösten. Warum kam denn nichts von ihm? Warum redete er um den heißen Brei herum, anstatt ihr zu sagen, dass er immer für sie da sein würde, dass sie sich auf ihn verlassen würde, dass er sie niemals im Stich lassen würde? So was SAGTE man doch, um andere zu trösten, oder? Konnte Keylam das nicht? Sah er sogar das schon als Lüge? Sie wollte nichts weiter als das. Weniger Vernunft, mehr Trost. Mehr Hoffnung; Hoffnung, die nicht auf Logik beruhte, sondern auf Emotionen. ER war doch sonst immer der wahnsinnig emotionale hier, wo war das hin?! Jane schluchzte heftig, holte geräuschvoll Luft, es klang erbärmlich und verzweifelt und ehrlich verletzt. Sie ließ seine Hände los und blickte nach unten, sollte heißen, sie richtete ihre Stirn gen unten, schloss aber die Augen. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass weiter Tränen unter ihren Lidern hervor quollen. „Ver-sprich mir, dass du auf d-dich aufpasst“, presste sie schwer atmend hervor. Ihre Hände krallten sich in das, worauf sie gerade lagen – einmal in seine Hose, einmal in ihre. Sie drückte ihr Kinn störrisch nach unten. Sie wollte ihn nicht ansehen – nicht solange er war wie ein großer Fels, der ihr ein bisschen bekümmert die Haare aus dem hässlichen Gesicht wischte und nicht wusste, was er machen sollte, damit es ihr besser ging. . .
Keylam ahnte gar nicht, wie viel Unverständnis er in Jane auslöste. Aber es konnten wohl nur wenige seinen etwas speziellen Umgang mit Versprechen verstehen, seine an Kleinlichkeit grenzende Genauigkeit bei der Beurteilung der Haltbarkeit von Versprechen, die er gab. Für ihn war es zur Normalität geworden und er wünschte sich, dass sie das für alle Anderen auch werden würde. Dass sich ALLE mehr Gedanken darüber machten, was sie versprachen. Dann würde Jane seine Zurückhaltung verstehen und vielleicht sogar zu schätzen wissen. Doch sie ließ sich nicht anmerken, was sie dachte. Als sie ihn losließ und sich gegen seine Berührung wehrte, in dem sie nach unten blickte, ließ er sie los und das Lächeln wich einem traurigen Ausdruck. Er fand keinen Zugang zu ihr, was er auch versuchte. Und er rechnete ziemlich sicher damit, dass sie entweder nichts mehr sagte oder ihm ein Versprechen abverlangte, das er nicht geben würde. Er wusste nun, dass sie sich mit unerschütterlichem Glauben an das klammerte, was er sagte. So sehr, dass sie ihm die Schuld gab, wenn etwas anders verlief, als er es angekündigt hatte. Diese Erkenntnis hatte ihn nun noch einmal sensibler für seine eigenen Worte gemacht und ließ ihn noch mehr abwägen, ehe er etwas wichtiges sagte. Doch er hatte nicht mit dem gerechnet, was sie schließlich von ihm verlangte. Er stutzte und schwieg erst einmal, überdachte ihre Bitte. Und seine Möglichkeiten. Auf sich selbst aufzupassen schien ihm Auslegungssache zu sein, aber prinzipiell war er ein eher vorsichtiger Mensch. Er war nicht gedankenlos, wenn es um seine Gesundheit und Sicherheit ging. Seine Hände auf beide Knie gelegt, die er im Schneidersitz zu sich herangezogen hatte, atmete er einmal tief durch und nickte, bis ihm klar wurde, dass sie ihn nicht ansah. „Ich verspreche es.“, flüsterte er bedacht. Aber es erschien ihm unzureichend. „Und ich verspreche, auf dich aufzupassen.“
Jeanny hatte ehrlich gesagt erwartet, dass er sagen würde, dass er ihr das nicht versprechen konnte. Weil er ihr nichts versprechen konnte. Oder wollte? In ihrer Verzweiflung dachte sie über wirklich alle Möglichkeiten nach, ohne sie Keylam mitzuteilen. Sie wollte Moment aber auch gar nicht gerecht sein. Sie wollte, dass man sie in die Arme nahm und ihr sagte, dass alles gut werden würde. Dass sie nicht mehr weinen würde. Dass niemand erfahren würde, dass sie geweint hatte. Aber er hockte nur da und machte wahrscheinlich gerade ein Gesicht wie jemand, den man dazu zwang, ein Glas saure Milch zu trinken. Natürlich wusste sie zu schätzen, dass er all seine Versprechen so sorgfältig abwog und nicht leichtfertig etwas sagte, was er am Ende bereuen und sie enttäuschen würde. Trotzdem – in diesem Moment wünschte sie sich, er wäre ein bisschen weniger hart, unbeholfen, unerreichbar. Sich schon mit einem Nein abfindend weinte Jane leise gen Boden, vollkommen allein mit sich. Er hatte alle Hände von ihr genommen, ihre lagen mittlerweile im eigenen Schoß. Sie beweinte sich und ihre Einsamkeit, die sie nach sich beißen und geifern fühlte, obwohl ihr Freund direkt neben ihr saß. Und dann, plötzlich, hörte sie seine geflüsterten Worte. Mit welchen sie nicht gerechnet hatte. Niemals. Langsam hob sie den Kopf, noch immer vor sich hin weinend – diese Tränen wollten einfach nicht versiegen. Unglücklich betrachtete sie sein Gesicht, dann hob sie langsam ihre rechte Hand und legte sie zitternd gegen seine Wange, die ihr mittlerweile vergleichsweise kalt vorkam. All das Heulen hatte ihren Körper erhitzt. Sie strich ein paar Strähnen seiner Haare mit den Fingerkuppen nach hinten, ließ ihre Hand an seinem Hals entlang bis zu seiner Schulter wandern und stützte sich dann an dieser ab. Sie sah ihn lange an, während die Tränen ihr noch immer über die Wangen troffen, sie konnte nichts dagegen machen. Jane versuchte, sich an das Wichtigste zu erinnern, das sie sagen konnte, solange sie es ertrug, ihm in die Augen zu sehen. „Du bist so…“, fing sie leise an und schluckte zwischendrin, „…wichtig.“ Das ‚für mich’ ging irgendwie verloren, sie ließ den Blick schon vorher fallen, beugte sich leicht zu ihm und lehnte die Stirn ganz leicht, beinahe zu zurückhaltend, gegen seine Schulter, an welcher sie sich immer noch festhielt . . .
Keylam musste tatsächlich schlucken, als sie ihn doch noch ansah. Ihre Reaktion auf seine Versprechen war so ungefiltert und direkt, dass sie ihn mehr berührte als all ihr Weinen zuvor. Das allein hatte ihn schon erschüttert, aber er hatte es irgendwie von sich fern halten können. Aber jetzt sah er ihre Trauer, ihre Verzweiflung und vor allem ihre Überraschung darüber, dass er doch noch etwas gesagt hatte. Und das war es, was ihm mehr als alles andere das Gefühl gab, ihr mit allem bisher Unrecht getan zu haben. Schweigend sahen sie einander an – und auch wenn er nicht weinte, sein Gesicht war von Trauer gezeichnet. Er hielt ganz still, als sie ihn von sich aus berührte und sein Herzschlag beschleunigte sich, weil er nicht damit gerechnet hatte. Gerade noch war sie so weit entfernt gewesen und nun doch wieder so nah. In Gedanken wollte er den Augenblick festbrennen, auch wenn er noch so schrecklich war – gleichzeitig spürte er die Bedeutsamkeit jeder einzelnen Sekunde. Unbewegt erwiderte er Janes Blick, der seinen in einer heftigeren Version widerzugeben schien. Heute war es an ihr, die Emotionen freizulassen, die in ihr wüteten. Doch mit ihren brüchigen Worten gelang es ihr beinahe, ihn auch noch dazu zu bringen. Er schluckte erneut und biss die Zähne zusammen, während er spürte wie sich in seinem Hals ein Kloß bildete. Waren es nicht solche Worte, die viel mehr bedeuteten als ein einfaches „Ich liebe dich“? Er schloss sie vorsichtig wieder in seine Arme. Nur Jane konnte so etwas sagen, ohne dass es unbedeutsam klang. Er konnte das nicht, bei ihm klang es nicht danach. Bei ihm klang es nur wie ein lascher Abklatsch. Er holte tief Luft und drückte sie fest. „Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen“, flüsterte er und schloss die Augen. Niemals mehr.
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(Jaylam) I promised you, I said never again, no never.

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